Winfried Hermann Bauer (66) aus Ulm hat uns aus seinem Fundus selbst verfasster Geschichten eine geschickt, die er persönlich sehr mag – wegen ihrer Poesie.

Im Abteil                                   

Er packt die Klinke, stößt die Tür zum Abteil auf und hinter sich wieder zu. Mit welchem Nachdruck, darüber wundert er sich selbst. Er geht durch das leere Abteil und lässt sich auf den Sitz am Fenster fallen, den Blick in Fahrtrichtung. Die Tasche mit der Waffe darin stellt er neben sich, tätschelt sie, fast zärtlich. Ein Lächeln zuckt über sein Gesicht. Nur noch zwei Stunden trennen ihn von seinem Ziel. Destiny oder destination? Wie klar ihm der Unterschied ist. Sein alter Englischlehrer würde sich wundern. Heute allerdings ist sein Ziel auch Bestimmung. Nicht nur für ihn...

Der Zug ruckt bevor er fährt. Die Tür öffnet sich. Er zuckt. Ein Mädchen tritt ein. Sie lächelt ihn an und setzt sich ihm gegenüber. Sie ist jünger als er. Augen wie Bergseen. Er erinnert sich. Noch einmal in solche Seen tauchen. Und schüttelt sich. Kaum taucht man unter die Oberfläche, ist man von Dreck umgeben.
Er zieht die Beine an. Sie schüttelt ihr langes, blondes Haar. Als wolle sie ihm antworten. Er schließt die Augen. Die Wände des Abteils, das Chassis des Wagens, die Räder auf den Schienen quietschen und seufzen, als wäre es der Zug leid, immer auf demselben Gleis zu fahren. Aber es liegt nicht in seiner Macht, aus der Spur zu springen. Die Geräusche und das Schaukeln machen ihn müde. Wann hat er das letzte Mal geschlafen?
Plötzlich nimmt er einen Duft wahr, der ihn irritiert. Als er seine Augen öffnet, sitzt vor ihm eine alte Frau. Das Mädchen ist fort. Er muss eingenickt sein. Die Frau strickt. Für ihre Enkel wahrscheinlich. Sie hat schöne Hände, denkt er. Er fragt sich, wie viele Socken sie schon gestrickt hat und wie viele sie noch stricken wird. Er kann nicht aufhören sie anzustarren. Ihm wird heiß. Sie öffnet den Mund, als wolle sie ihn ansprechen. Es gelingt ihm die Augen zu schließen. Die Zufriedenheit der Frau ärgert ihn. Warum, weiß er nicht. Es liegt etwas Forderndes in ihrem Ausdruck, etwas Zwingendes, dem er sich widersetzt. Er denkt an die Waffe.
Kaum ist seine Sicherheit zurückgekehrt, verlangsamt der Zug seine Fahrt und hält kreischend an. Die Frau steht auf, berührt ihn, zufällig offenbar, murmelt eine Entschuldigung. Er reagiert nicht. Jetzt ist sie an der Tür. Sie dreht sich um. Sie sagt etwas, aber nicht zu ihm. Ihr Gepäck stößt an die Abteilwand.  „Junger Mann, wären Sie so freundlich, ich schaff’ das nicht.“ Verblüfft über die direkte Anrede, öffnet er die Augen und antwortet: „Natürlich.“
Die kommt aus dem Altersheim, denkt er. So hilflos wird er nie sein. Er nimmt den Koffer und schwingt ihn nach oben in die Gepäckablage.

„Das ist lieb von Ihnen“, meint die Alte und setzt sich direkt an die Tür. Er schaut aus dem Fenster. Der Zug fährt längst wieder. Erst jetzt wagt er einen Seitenblick. Die Frau schläft. Ein Bein leicht angewinkelt, das andere ausgestreckt, das blaue Kleid über die Knie gerutscht. Er mustert sie: Die weißen Locken, die Falten, leere Hauttaschen am Hals. Ausgehamstert, geht es ihm durch den Kopf. Er fühlt sich nicht wohl dabei. Ihre abgewetzte Handtasche steht auf dem Sitz daneben. Er könnte sie nehmen und einfach verschwinden. Ein leichtes Spiel wäre das. Sie atmet völlig gleichmäßig, entspannt. Sie hat Vertrauen zu ihm. Er sieht, wie sich ihre Augäpfel unter den Lidern bewegen. Er stellt sich vor, dass sie träumt: Von einer Jugendliebe vielleicht, der Geburt eines Kindes oder dem Tod ihres Mannes...

Ob sie blaue Augen hat? Eine Durchsage macht ihn darauf aufmerksam, dass er schon bald aussteigen muss. Es wird schwer werden, an der alten Frau vorbeizukommen. So wie sie da liegt. Wecken will er sie nicht. Schließlich steht er leise auf und steigt über ihre Beine. Hinter der Barriere dreht er sich noch einmal um. Blickt zurück. Dort steht seine Tasche. Mit der Waffe. Er zögert. Dann öffnet er mit beiden Händen vorsichtig die Tür.

Alle Geschichten gibt es unter swp.de/kurzgeschichten.