Ulm Lernbüro der Zukunft

Ulm / VERENA SCHÜHLY 15.05.2013
Die Gemeinschaftsschule steht für eine neue Lern-Kultur und eine neue Pädagogik. Dazu braucht es aber auch andere Räume und weniger starre Möbel. Die Spitalhofschule hat ein solches modernes Lernbüro.

Wer an Klassenzimmer denkt, dem kommen lange Parallel-Reihen von Zweiertischen in den Sinn, an denen Schüler sitzen oder lümmeln. Ihnen gegenüber steht der Lehrer. Er füttert die Schüler eine dreiviertel Stunde lang mit Informationen und gibt das Tempo vor; sie hören zu, schreiben mit, beantworten ab und zu Fragen. So sieht klassischer Frontalunterricht aus. In der neuen Gemeinschaftsschule aber gibt es eine andere Art von Lernkultur. Dabei steht der Schüler im Mittelpunkt, der das Tempo bestimmt, in dem er lernt - begleitet vom Lehrer als Lern-Coach.

Rolf Kessler, Rektor der Spitalhofschule, die ab September in Kooperation mit der Ulrich-von-Ensingen-Realschule Gemeinschaftsschule wird, erklärt das neue Prinzip. "Zuerst gibt es die Input-Phase: Da erklärt der Lehrer am großen Tisch, um den alle stehen, den Stoff theoretisch. Dann gehen die Schüler an die Regale, wo vorbereitetes Material liegt, und erarbeiten sich selbst den Stoff durch praktisches Üben. Wenn ein Schüler eine Frage hat, kommt der Lehrer zu ihm. Wenn ein Schüler der Meinung ist, dass er den Stoff beherrscht, schreibt er einen Test - und wenn er ihn besteht, wird das in seinem Kompetenz-Raster eingetragen."

Die Spitalhofschule verfügt über einen Raum, der Lernbüro heißt und in dem diese neue Art des Lernens praktiziert wird. Es gibt dort einen großen ovalen Tisch, um den die ganze Gruppe samt Lehrer stehen kann, weiter ein Dutzend quadratischer Einzeltische, außerdem an der Wand drei Laptop-Tische. Das Besondere daran: Alle sind höhenverstellbar. Jeder kann sich die Arbeitshöhe individuell einstellen: Das Mädchen von 1,50 Meter und der Junge, der 1,90 Meter misst. Die meisten Tische sind ohnehin auf Stehhöhe. Kessler wundert das nicht: "Untersuchungen aus der Schweiz zeigen, dass die Schüler im Stehen viel konzentrierter arbeiten und weniger herumhampeln."

In der Gemeinschaftsschule, die im September startet, werden die Fünftklässler jeden Tag eine "feste Schiene von zwei Stunden" im Lernbüro haben in den Fächern Deutsch, Mathe und Englisch. "Weil die Schüler das neue System des offenen Lernens auch erst lernen müssen", so Kessler. Die Lehrer sind insbesondere bei der Vorbereitung gefragt, denn sie müssen das Arbeitsmaterial, mit dem sich die Schüler den Stoff aktiv aneignen, vorher überlegen und ausarbeiten.

"Eine zentrale Rolle in der Pädagogik spielt auch der Raum", betont Kessler. Dass die Spitalhofschule zu ihrem Lernbüro gekommen ist, war erst Zufall: Auf der Slow-Food-Messe, wo die Catering-Spitalhof-Schülerfirma Gastfreunde regelmäßig zu Gast ist, kam der Kontakt zur Firma Kesseböhmer Ergonomietechnik aus Weilheim/Teck zustande, die bislang Werkbänke produzierte und in Schulmöbeln ein neues Geschäftsfeld sah. Sie hatte eine Prototypen-Serie höhenverstellbarer Schultische produziert - und fragte Kessler, ob die Schule sie in der Praxis testen würde. Aber gerne, lautete die Antwort.

Ein Jahr lang arbeitete eine achte Klasse mit den neuen Tischen. Einmal im Monat kam ein Techniker von Kesseböhmer zur Kontrolle und um zu schauen, ob etwas kaputt ist oder ob sich Änderungswünsche ergeben haben. So wurden zum Beispiel die Füße vergrößert, damit nichts mehr wackelt. Kessler berichtet: "Am Ende des Jahres war kein Tisch kaputt, nicht mal bemalt. Die Schüler haben darauf aufgepasst."

Als dann die Entscheidung fiel, dass die Spitalhof- ab dem nächsten Jahr Gemeinschaftsschule wird, hat die Firma nach ergonomischen Punkten die Möbel für das neue Lernbüro zur Verfügung gestellt. "Das ist absolut sinnvoll, denn die Gemeinschaftsschule ist Ganztagsschule - das bedeutet, die Kinder und Jugendlichen verbringen täglich rund neun Stunden an ihrem ,Arbeitsplatz Schule", sagt Kessler weiter. Deshalb sei es gut, wenn es nicht eine Einheitsgröße für Tische gibt, sondern wenn sie sich individuell anpassen lassen. Außerdem lasse die moderne Unterrichtsgestaltung einen Wechsel von Sitzen, Stehen und Bewegen zu.

Vor kurzem waren rund 50 Vertreter von andern Schulen und Kommunen Baden-Württembergs in der Spitalhofschule, um sich das Lernbüro anzuschauen und sich von den positiven Erfahrungen berichten zu lassen. Vom eigenen Schulträger, der Stadt, aber ist Kessler derzeit ziemlich enttäuscht, weil sie sich mit Investitionen in Möbel und ähnliches zurückhält mit dem Hinweis darauf, dass sie so viele Schulen zu unterhalten habe. Kessler: "Wir müssen das Projekt Gemeinschaftsschule zum Laufen bringen, aber das geht nicht zum Nulltarif." Überdies gehe das neue Schuljahr in rund 100 Tagen los und es sei immer noch nicht geklärt, welche Räume dafür zur Verfügung stehen.

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