Alb-Donau Leitartikel: Enormer Stellenabbau fordert die Region

Alb-Donau / FRANK KÖNIG 15.06.2012
In Ulm fallen durch die Schließungen und Stellenabbau mehr als 3000 Stellen weg. Das trifft die Region zwar hart, aber der hiesige Arbeitsmarkt ist stark. Bloß: Wie stark?

Für den Wirtschaftsstandort und die Region Ulm kommt es knüppeldick. Nach den Hiobsbotschaften bei Schlecker, Centrotherm, Iveco und Evobus steht nun vollkommen überraschend die Schließung des Nokia-Forschungszentrums mit 730 Mitarbeitern im Science Park II an – wo eigentlich keine Abbruchveranstaltung geplant war, sondern vielmehr die Zukunft Ulms entstehen sollte. Der Verlust an Arbeitsplätzen ist enorm, insgesamt fallen mehr als 3000 Stellen weg: über Nokia hinaus rund 1000 bei Schlecker, voraussichtlich ebenfalls etwa 700 in der Lastwagen-Montage von Iveco und jeweils etwa 400 bei Centrotherm und bei Evobus. Und beim Blaubeurer Solarhersteller Centrotherm, der lange als Hoffnungsträger und Jobmotor für den Wirtschaftsstandort galt, könnte es noch schlimmer kommen. Es werden Berechnungen angestellt, wie lange das Geld aus dem Börsengang reicht, weil der Anlagenbauer praktisch keine Solarfabriken mehr verkaufen und kaum Umsätze erzielen kann: längstens bis Jahresende.

Institutionen der regionalen Wirtschaft wie die Industrie- und Handelskammer und die Arbeitsagentur stehen vor erheblichen Herausforderungen. Vor allem die IHK wurde zuletzt nicht müde, den Fachkräftemangel zu beklagen. Damit dürfte es vorerst aber vorbei sein, und die Kammer kann ihre Netzwerke nutzen, um wie auch die Agentur den Stellensuchenden rasch einen neuen Arbeitsplatz zu besorgen. Auf diese Weise wird sich sehr schnell herausstellen, wie groß der Mangel an Arbeitskräften und wie aufnahmefähig der Arbeitsmarkt in und um Ulm tatsächlich ist.

Auch Firmen aus dem Umfeld der Wissenschaftsstadt wie der Car2go-Entwickler Daimler TSS, die vor kurzem noch ambitionierte Einstellungspläne bekannt gegeben haben, können in direkter Nachbarschaft zu Nokia vielleicht Flugblätter mit freien Stellen verteilen und sich junge hochqualifizierte Ingenieure aus der IT- und Internetbranche sichern.

Es macht in dieser Lage Mut, dass die Wissenschaftsstadt bereits andere Rückschläge wie die Schließung der Siemens-Handyentwicklung nach dem damaligen Verkauf an Benq und der nachfolgenden Insolvenz verkraftet hat. Das Interesse am Science Park, bei dem schon von der dritten Ausbaustufe die Rede war, bleibt ungebrochen. Dies zeigt auch der groß angelegte Neubau des Ulmer Herstellers von digitalisierten Anzeigentafeln AEG MIS nahe des Vorzeige-Passivhauses Energon. Da sollte es mit routinierten Spielern auf dem Immobilienmarkt wie der städtischen PEG und ihrem Chef Christian Bried – Stichwort Stadtregal – gelingen, auch für den Nokia-Standort eine Nachfolgelösung zu finden. Zum Wesen eines solchen Modellprojekts wie dem Science Park gehört es offenbar, dass immer wieder Firmen ausscheiden und neue hinzukommen. Bisher war es ein Glück für Ulm, dass die Zuwächse stets größer waren als die Verluste.

Es besteht also kein Grund, den Science Park abzuschreiben, obwohl die Standortschließung von Nokia ein herber Rückschlag ist. Was die wegfallenden Jobs im Fahrzeugbau anbelangt, bleibt die Frage, wie die Mittelständler der Metallindustrie diese Fachkräfte auffangen können. Der Arbeitsmarkt in Ulm und Biberach ist immer noch deutschlandweit der stärkste, aber auch nicht unbegrenzt belastbar. Wie groß ist die Tragfähigkeit, was muss der Standort demnächst noch aushalten – siehe Centrotherm? Das sind derzeit die Fragen.