Ulm Leitartikel: Einstein, der Ulmer

HANS-ULI THIERER 17.09.2016
Immer wieder diskutiert Ulm, wie die Stadt Albert Einstein angemessen würdigen kann. Jetzt eine neue Gelegenheit: durch die Grundfeste des Geburtshauses. <i>Ein Leitartikel von Hans-Uli Thierer</i>.

Alle paar Jahre wieder kocht die Diskussion hoch: Würdigt Ulm Albert Einstein angemessen? Eine breite öffentliche Debatte darüber fand 2004 statt, dem 125. Geburtsjahr des Physik-Nobelpreisträgers. Jetzt passiert dies wieder. Den Anlass liefern die im Boden des Sedelhöfe-Baugeländes steckenden Überreste der Grundmauern des Einstein-Geburtshauses. Was tun damit? Das ist hier die Frage.

Nun ist es mit Einstein und Ulm ja so, dass zum einen viele Geschichten und Geschichtchen bekannt sind und kursieren. Zum Beispiel die, die nach Erkenntnissen des  Archivdirektors Michael Wettengel, also der historischen Instanz der Stadt, weder editiert noch digitalisiert, also nicht eindeutig dokumentiert ist: Der Jude Einstein soll nach dem Krieg und in Erinnerung an die tiefbraunen Schatten der Nazi-Diktatur auf die Anfrage aus Ulm, ob eine Straße  wieder nach ihm benannt werden dürfe, geantwortet haben:  Am besten nennt ihr sie Windfahnenstraße. Hingegen belegen Briefe: Obwohl die Familie Ulm verließ, als er gerade mal ein 15 Monate altes Kleinkind war und trotz NS-Zeit hat sich Einstein  in den Korrespondenzen mit den Obrigkeiten der Heimatstadt stets höflich über Ulm geäußert. Ulm, wo bis zur Verfolgung durch die Hitler-Diktatur ja auch Verwandte von ihm lebten.

Ulm würdigt Einstein: durch eine Straße, durch einen Brunnen. Vor allem  durch das EinsteinHaus der Volkshochschule und das von Max Bill geschaffene Denkmal in den Bahnhofstraße. Aus beidem, Einstein-Haus und Bills Granitquader-Skulptur, atmen demokratischer Geist und Weltoffenheit, der Freisinn Einsteins also.

Trotzdem leidet Ulm an Einstein. Oder besser: Nicht  an  der Person, sondern am Zweifel, seinem größten Sohn womöglich nicht gerecht zu werden.  Als plage die Stadt, die eine württembergische Nazihochburg war, bis heute ein schlechtes Gewissen. Alle Bemühungen der nicht zuletzt ob ihrer naturwissenschaftlichen Ausrichtung, auch ihrer  Physiker ausgewiesenen Universität, sich Albert Einstein im Namen einzuverleiben, schlugen bisher fehl. Vielleicht führen ja  die hinter den Kulissen laufenden neuen Anläufe zum 50-jährigen Bestehen 2017 zum  Ziel. Schön wär’s.

Bis dahin wird geklärt sein, in welcher Form an der Stelle an ihn erinnert wird, aus der sich überhaupt die Berechtigung ableitet, Einstein einen Sohn der Stadt und den berühmtesten Ulmer zu nennen: dort, wo er zu Welt kam, an der heutigen Bahnhofstraße, wo sein Geburtshaus stand.  Freigelegt sind Grundmauern dieses Hauses. Weil es in der Verbindung Einstein-Ulm der Ort der Authentizität schlechthin ist, ist das durch SPD und CDU großkoalitionär drängend vorgetragene Anliegen einer angemessenen Konservierung,  Dokumentation und Präsentation nicht nur verständlich. Es ist überaus berechtigt. Alles andere wäre, um Aussagen Dorothee Kühnes (SPD) oder Hans-Walter Roths (CDU) zu bemühen, „eine verpasste Chance“, gar ein „Skandal“.

Den schönen Worten des Investors DC Developments/DC Values und seines Chefs Lothar  Schubert sowie des Oberbürgermeisters Gunter Czisch in dieser Sache müssen Taten folgen. Das Stadtarchiv ist endlich so angemessen in die Überlegungen einzubinden, wie es bisher immer nur heißt.  Gute Gelegenheit, den Schleier zu lüften und ein grundlegendes Gedankengerüst vorzustellen, besteht demnächst: zur Grundsteinlegung Ende September.

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