Ulm/ Neu-Ulm Leitartikel Schwörmontag: 23 Uhr? Einen Versuch wert

CHIRIN KOLB 15.02.2013
Ausschankschluss am Schwörmontag 23 Uhr: An dieser Absicht des Ulmer Gemeinderats scheiden sich die Geister. Ein Leitartikel von Chirin Kolb.

Der Schwörmontag ist Ulms größtes Fest, und das soll er auch bleiben. Nur unter welchen Bedingungen? Seit Stadtverwaltung und Stadträte in großer Einigkeit den Schluss der Außenbewirtung in der Innenstadt auf 23 Uhr vorgezogen haben, gibt es im kalten, winterlichen Ulm hitzige Debatten. Kleingeistig und spießig, rufen die einen. Hört man die Wirte, könnte man meinen, das Ende des Schwörmontags stünde bevor. Dagegen hoffen viele Ulmer und vor allem Innenstadt-Bewohner, dass Sauforgien, Sachbeschädigungen und jede Menge ekelhafter Begleiterscheinungen eingedämmt werden. Dass der Stadtfeiertag auch mal wieder zu ihrem Fest wird.

Der Schwörmontag soll ein Fest für alle sein. Das ist er erst seit Ende der 90er Jahre. Erst seit der Münsterplatz bespielt wird, gibt es ein breites Angebot für Jüngere, nicht nur für gesetzteres Publikum und Familien. Das tut der Tradition dieses Fests nur gut. Es soll gefeiert werden in der Innenstadt, auf vielen Plätzen, vor Lokalen. Aber nicht schranken- und hemmungslos. Denn ein Fest für alle ist der Schwörmontag zumindest in der City nicht mehr.

Viele machen inzwischen an diesem Abend einen großen Bogen um das Zentrum, weil sie keine Lust haben auf Gedränge, Gedröhne, Gepöbel. Oder weil sie sich in angetrunkenen Massen einfach nicht sicher fühlen. Auch viele Innenstädter klagen: über Fäkalien und andere Exkremente vor der Haustür, über Lärm, verwüstete Pflanzkübel und Glasscherben. Das sind Nachteile eines Lebens in der Innenstadt, längst und leider nicht beschränkt auf Schwörmontag. Wer dort wohnt, muss damit leben – aber nicht grenzenlos. Auch für diese Zumutungen muss es ein Maß geben. Und am Schwörmontag ist es überschritten.

Das entfesselte Feiern einzudämmen, ist gar nicht so einfach. Der 23-Uhr-Beschluss ist vermutlich nicht der Weisheit letzter Schluss. Vom Nabada bis kurz vor Mitternacht ist reichlich Zeit, sich zuzusaufen, wenn man es darauf anlegt. Und wer beim Wirt im Freien nichts mehr kriegt, kippt eben seinen mitgebrachten Alkohol. Trotzdem ist es einen Versuch wert, um 23 Uhr Schluss zu machen und so zu versuchen, die ärgsten Auswüchse zu begrenzen.

Denn was wären die Alternativen? Eine abgesperrte Festmeile mit Zugangskontrollen und Leibesvisitation. Oder: noch mehr Polizei und private Sicherheitskräfte – ungeachtet der Frage, woher sie kommen sollen und wer sie bezahlt. Oder: Jugendliche gar nicht erst mitfeiern lassen, wie es Weißenhorn völlig humorlos im Fasching probiert hat. Oder: Beschränkung der Feiern auf nur noch zwei, drei Orte. Jeder dieser Vorschläge ist drastischer als ein um eineinhalb Stunden verkürztes Fest und würde die Schwörmontagspartys stärker verändern.

Daran können auch die Wirte kein Interesse haben. Sicher, das frühere Ende trifft sie hart. Ein Umsatzverlust von eineinhalb Stunden dürfte aber nicht gerade existenzbedrohend sein – zumal der Schwörmontag in seiner neuen Form Spitzenumsätze in der Innenstadt-Gastronomie überhaupt erst möglich gemacht hat.

Feiern bis der Arzt kommt, das ist mittlerweile in vielen Städten ein Problem. Eine Lösung für diese alkoholbedingten Exzesse hat noch niemand gefunden. Ulm probiert nun auch eine Variante aus. Der 22. Juli wird zeigen, ob die Begrenzung auf 23 Uhr was bringt. Das Abendland geht davon nicht unter. Und der Schwörmontag auch nicht.