Ulm Leitartikel Karlsplatz: Gleiches Recht für alle

HANS-ULI MAYER 30.08.2014
Rund um die Ulmer Innenstadt werden unliebsame Personen immer weitergeschoben, weil sie keiner vor der eigenen Tür haben will. Es sind Trinker und Obdachlose, Kiffer und Fixer, Punker und Gescheiterte. Jetzt ist der Karlsplatz an der Reihe - obwohl er eigentlich nichts Besonderes ist. Ein Leitartikel von Hans-Uli Mayer.

Rund um die Ulmer Innenstadt führt der Altstadtring, auf dem - meist junge - Autofahrer mit aufgemotzten Fahrzeugen gerne ihre Runden drehen und Vollgas geben. Aber es gibt noch eine andere Art von Ringverkehr, der ähnlich absurde Züge trägt und aktuell am Karlsplatz für Aufregung sorgt. Durch Anwohner aufgeschreckt, ergreifen CDU und Freie Wähler zum Ende der Sommerpause forsch die Initiative. Und die SPD folgt auf dem Fuß. Dabei bedienen sie sich bisweilen recht schriller Töne.

Rund um die Innenstadt gibt es eine Art Verdrängungsring, ein Karussell, auf dem unliebsame Personen und Gruppen immer weitergeschoben werden, weil sie keiner vor der eigenen Tür haben will. Es sind Trinker und Obdachlose, Kiffer und Fixer, Punker und Gescheiterte. Ganz allgemein gesprochen handelt es sich um Menschen, die anders leben als der große Rest. Und genau da beginnt das Problem, nämlich beim Umgang mit dem Anderen, mit vielleicht Anstößigem und mit für manche Menschen bedrohlich Anmutendem.

Der Karlsplatz, um den sich jetzt die Kommunalpolitiker hektisch zu kümmern scheinen, ist dabei erstmal nichts Besonderes. Er ist aus polizeilicher Sicht weder ein Kriminalitätsschwerpunkt noch der erste Ort, an dem es Schwierigkeiten gibt. Am Karlsplatz kulminiert aber der Verdrängungsmechanismus der vergangenen Jahre, der immer dann einsetzt, wenn sich die oben beschriebenen Personengruppen mal wieder irgendwo angesiedelt haben und mithilfe der Saubermänner und -frauen aus der Kommunalpolitik verdrängt werden sollen.

Das hat in Ulm eine lange Geschichte, ohne dass je irgendetwas grundlegend verbessert worden wäre. Erst war es eine Gruppe an dem vom Volksmund "Pferdetränke" genannten Brunnen an der Steinernen Brücke, die den Innenstadthändlern im Weg war, die um ihr Geschäfte fürchteten. Dann zogen sie zur Donauwiese, bis sie von dort vertrieben wurden und auf dem Hans-und-Sophie-Scholl-Platz vor dem Rathaus für Aufsehen sorgten. Weiter ging es über den Büchsenstadel, dann störten sie im Alten Friedhof - und jetzt auf dem Karlsplatz, wo die hinzukommen, die bislang in der Hinterhofatmosphäre der Sedelhöfe ihr Versteck vor der Gesellschaft hatten und durch den Abriss verloren haben.

Nun sind Klagen über Belästigungen verständlich und oftmals auch berechtigt. Genauso oft aber wird übertrieben und die Lage dramatischer dargestellt als sie ist. Auch das ist nachvollziehbar. Allein, wo sollen die Leute hin? Wo sollen sie sich treffen, wenn sie überall vertrieben werden? Sie passen in kein Schema und schon gar nicht ins vermeintlich normale Leben. Aber sie haben das gleiche Recht in der und auf die Stadt, wie alle anderen.

Die Situation hat sich auch deshalb so zugespitzt, weil am Karlsplatz alle zusammenkommen, für die es keine anderen Plätze mehr gibt in der Stadt. Die Verdrängung ist das Problem, das Sankt-Florian-Prinzip.

Aber zu einer Stadt gehören nun auch einmal Hinterhöfe, Schmuddelecken oder zumindest Plätze, die nicht ständig unter öffentlicher Beobachtung liegen. Schärfere Polizeikontrollen verlagern das Problem nur wieder - örtlich und zeitlich, bis sich dann dort erneut Protest regt.

Verdrängung und Verlagerung ist nur ein Gewinn auf Zeit.

---

Zur Reportage: Kinder, Trinker, Fixer: Wem gehört der Karlsplatz?