LEITARTIKEL · UNI-KLINIKUM: Wieder Vertrauen schaffen

RUDI KÜBLER 29.06.2013

Wer von sich behauptet, er würde gerne in der Haut von Prof. Klaus-Michael Debatin stecken, kann mit Sicherheit eines bezichtigt werden: der Lüge. Denn der renommierte Kinderarzt und Krebsforscher tritt am Montag einen Job an, der unter normalen Umständen zwar attraktiv sein mag - unter den gegenwärtigen Umständen aber fast schon so etwas wie Mitleid hervorruft. Als neuer Leitender Ärztlicher Direktor und Vorstandsvorsitzender des Universitätsklinikums Ulm hat der 60-Jährige die Aufgabe übernommen, auf der einen Seite die Managementfehler des abgetretenen Vorstands zu korrigieren und auf der anderen Seite für Vertrauen unter Pflegekräften und Ärzten zu werben. Und das in einer äußerst prekären finanziellen Situation.

Dass dem Klinikum das Wasser momentan bis zum Hals steht, ist bekannt. Zwei Jahre hintereinander - 2011 und 2012 - wurden rote Zahlen geschrieben, jeweils in Höhe von rund 6 Millionen Euro. Offiziell. Inoffiziell lag das Jahresergebnis 2012 allerdings bei einem Minus von fast 15 Millionen Euro. Kein Geheimnis ist auch, dass das Klinikum Ende vergangenen Jahres am Rande der Zahlungsunfähigkeit stand. Diesen finanziellen Schiefstand allein mit dem Bau der neuen Chirurgie zu begründen, ist zu kurz gegriffen. Sicher, dieses Projekt belastet das Klinikum immens - eben auch, weil der Landesanteil vorfinanziert und damit dieser Neubau erst ermöglicht wurde.

Als wäre das nicht genug, hat der ehemalige Vorstand, Reinhard Marre als Leitender Ärztlicher Direktor und Rainer Schoppik als Kaufmännischer Direktor, in einem Akt der Selbstüberschätzung weitere Projekte draufgesattelt. Die Psychosomatische Klinik und das Casino haben zusammen weitere 12 Millionen Euro gekostet, entnommen dem laufenden Betrieb, wie zu hören ist.

Entstanden sind glänzende Neubauten, zerstört wurde das Vertrauen der Mitarbeiter, die den daraufhin eingeschlagenen Sparkurs auszubaden hatten. Unruhe, Missstimmung und Angst herrschten am Klinikum vor, Kritik wurde niedergebügelt, Druck aufgebaut, von Mechanismen der Einschüchterung bis hinauf zu den Ärztlichen Direktoren ist die Rede.

Debatin solls jetzt richten. Er, der diesen Job eigentlich nicht wollte. Er, der Forscher mit Leib und Seele ist - und der mit der Leitung der Kinderklinik eigentlich schon genug zu tun hat. Die Direktorenriege hatte ihn bereits einstimmig im Frühjahr als Nachfolger Marres vorgeschlagen, die Kollegen wollten einen Leitenden Ärztlichen Direktor, der um den Alltag auf den Stationen weiß, die Sorgen und Nöte der Kliniker versteht. Und Kliniken nicht nur zu Eröffnungsfeierlichkeiten betritt, wie dem jetzt zum Rückzug gedrängten Mikrobiologen Marre bisweilen unterstellt wurde. Der im Übrigen weich fällt: Für 2012 und 2013 hat er laut Aufsichtsratsbeschluss noch Boni erhalten.

Es liegt an Debatin, jetzt Überzeugungsarbeit zu leisten sowie Pflegekräfte und Ärzte wieder zurück ins Boot zu holen. Es gilt auch, finanziell klar Schiff zu machen - zunächst zusammen mit Rüdiger Strehl, der interimsweise den Kaufmännischen Direktor gibt. Debatin muss offen das Minus benennen, Perspektiven für den Weg aus der Krise aufzeigen, aber auch Klartext mit dem Ministerium reden. Ohne dessen finanzielle Hilfe dürften die kommenden Monate schwierig werden.

Debatins neuer Job ist undankbar, in seiner Haut möchte man nicht stecken.