Es gibt Tage und Diskussionen, an denen einem die Ulmer Lokalpolitik, zumindest große Teile von ihr, fast wie besoffen vorkommt. Besoffen vor Glück und Stolz. Beglückt darüber, wie gut die Region nicht zuletzt dank der Lokomotive Stadt zuerst der Wirtschaftskrise getrotzt hat und jetzt den internationalen Währungsturbulenzen standhält. Stolz darauf, welchen Anteil an dieser Robustheit die Stadtpolitik selber doch hat durch Weitsicht. Mutige Entscheidungen haben über Jahre hinweg den Wirtschaftsstandort durchgreifend strukturell stabilisiert und dem Wohn- und Lebensstandort Attraktivität verschafft.

Diese neue Urbanität - nicht zuletzt Verdienst der seit 35 Jahren hartnäckig auf Stadterneuerungskurs steuernden kommunalen Sanierungstreuhand SAN (siehe Seite 20) - hat ihren Preis. Er äußert sich darin, dass ein sich weitender Kreis um die zentralen Stadtlagen herum für einen sich weitenden Kreis der Bevölkerung unerschwinglich wird. Bis auf die offenbar nüchtern gebliebenen Grünen, namentlich deren Stadträtin Annette Weinreich, die als Architektin vom Fach ist, begegnet der große Rest des Rats dieser Entwicklung mit Schulterzucken. Was solls? Was soll man machen gegen die Gesetze des Marktes, der derzeit noch befeuert wird durch die Flucht in Immobilien?

Nun ist Ulm nicht Hamburg oder München oder Düsseldorf, um teure deutsche Wohnlagen zu nennen. Doch nähern wir uns mancherorts auch hierzulande Quadratmeter-Preisen für Wohneigentum von 10 000 Euro an. Das wirft die Frage auf, ob es für Ulm und - am Donauufer - Neu-Ulm erstrebenswert wäre, ein Klein-Hamburg, Klein-München, Klein-Düsseldorf zu werden. Oder ob nicht alles unternommen werden sollte, schicke Lagen nur für betuchtes Publikum einzudämmen mit politischen Mitteln, stadtplanerischen Strategien und kommunalen Instrumenten wie der Wohnungsbaugesellschaft UWS und eben der SAN. Dazu müsste die breite Stadtpolitik - am besten stadtübergreifend - ihre Neigung zur Selbstgefälligkeit an diesem Punkt hinter sich lassen. Sie müsste sich aufraffen zu freilich mühseligen Grundsatzüberlegungen über eine Stadtentwicklungspolitik, die die Exklusion der Exklusivität in immer größerem Stil zum Ziel hat und dennoch individuelle Wohnwünsche erfüllt, damit niemand davonläuft.

Eine Standortqualität besteht bisher darin, dass Ulm/Neu-Ulm zwischen den Metropolregionen München und Stuttgart erschwinglich geblieben ist. Die Doppelstadt beraubte sich eines maßgeblichen Attraktivitätsfaktors, würde sie in Zentrallagen unbezahlbar für die Mittelschicht.

Der Begriff Gentrifizierung bedeutet: Stadtviertel - und in Ulm sprechen wir von der 80 Hektar großen Innenstadt, in Neu-Ulm vom zentralen Donauufer - werden durch Sanierung und Umbau derart aufgewertet, dass wohlhabendere Schichten die angestammte Bevölkerung vertreiben.

Die Folgen? Fatal. Die City nur noch bewohnt von reichen Menschen, während sie die anderen hinausweist in Randlagen. An die Peripherie, von wo aus sie zum Arbeiten in die Stadt fahren. Dies käme einem Rückfall in Zeiten des Feudalismus gleich. Andererseits erinnerte dies an jene Stadtentwicklung, die das Arbeiten brutal vom Wohnen trennt und jene Pendlerströme hervorruft, die, nüchtern betrachtet, bis heute der helle ökologische Wahnsinn sind. Sie gilt es zu überwinden - nicht zu zementieren.