Ulm LEITARTIKEL · SEDELHÖFE: Die Abwickler

Ulm / HANS-ULI THIERER 25.05.2013
Was für ein Wandel: Hätte man zu Jahresbeginn wetten können, welche der drei Handels-Großvorhaben in Ulm/Neu-Ulm auf der Kippe stehen, wäre die Reihenfolge - jede Wette - so ausgefallen: Mahler vor der Glacis-Galerie. Kein Mensch hätte einen Cent darauf gesetzt, dass das Ulmer Projekt Sedelhöfe platzen könnte.

Was für ein Wandel: Hätte man zu Jahresbeginn wetten können, welche der drei Handels-Großvorhaben in Ulm/Neu-Ulm auf der Kippe stehen, wäre die Reihenfolge - jede Wette - so ausgefallen: Mahler vor der Glacis-Galerie. Kein Mensch hätte einen Cent darauf gesetzt, dass das Ulmer Projekt Sedelhöfe platzen könnte.

Kein halbes Jahr später: Mahler zieht - gegen alle brancheninternen Anfeindungen - das Konzept einer Wiederbelebung des alten Mutschler-Centers konsequent durch. Die Glacis-Galerie hat - gegen alle verbreitete Skepsis - den Baubeginn hinter sich. Im Fall Sedelhöfe hingegen hämeln nach der Mitteilung, dass der Investor MAB "sukzessive abgewickelt", also Schritt für Schritt aus dem Verkehr gezogen wird, Spötter bereits: Nun könne Sport Sohn ja doch noch in seinen bisherigen Hinterhof hinein erweitern - und auf einem Abenteuerland mitten in der City auch Kletterwände und Mountainbike-Strecken für jene Outdoor-Freaks anlegen, die sich ihre Ausrüstungen im Ulmer Sportfachgeschäft zulegen.

In Wahrheit freilich hat die Ankündigung der hinter MAB stehenden Rabo-(Volks-)Bank sowohl im Rathaus als auch im Handel Großalarm ausgelöst. Denn darüber kann die von der Stadtspitze demonstrierte Gelassenheit nicht hinwegtäuschen: Das Sedelhöfe-Projekt steht auf der Kippe. Und zwar nicht baulich, sondern qualitativ. Denn aufgrund der Vertragslage erscheint wenig wahrscheinlich, dass MAB sich zurückzieht, ehe das neue Einkaufszentrum steht. Eine ewige Brachlandschaft im Herzen der Stadt ist also kaum zu befürchten. Real geworden aber ist die wenig erbauliche Aussicht, dass - den Einkaufsbunkern im Umland ähnlich - Ramsch und Massenware Einzug halten an einer Stelle, die doch gedacht ist für Qualität und Besonderheit - für einen Handelsleuchtturm, wie Sedelhof-Protagonisten gerne mit leuchtenden Augen sagen.

OB Ivo Gönner hat recht: Die Antwort der Städte und ihres Einzelhandels auf die wachsende Internet-Handelskonkurrenz sollte aus wachsender Attraktivität von Stadterlebnis und Handelsvielfalt bestehen. Zwar ist die Stadtspitze nach wie vor sowohl von solcher Anziehungskraft als auch von der Wirtschaftlichkeit der Sedelhöfe überzeugt, weshalb man glaubt, ein Plan B sei verzichtbar. Indes besteht die eigentliche Dramatik darin, dass sich in der Rabo-Bank ein renommiertes und best-testiertes Geldhaus aus der Entwicklung von Projekten für den stationären Handel verabschiedet.

Zum Problem für Ulm könnte werden, dass MAB zwar baut, sich dann aber zurückzieht, genauer: zurückgezogen wird. Das lässt befürchten, dass ein bislang als nachhaltig eingeschätztes Betreiberkonzept auf der Strecke bleibt. Schon machen Befürchtungen die Runde, außer MAB könnten auch die Sedelhöfe "abgewickelt" werden - nach den bekannten Mechanismen des Kapitalismus: Es wird möglichst billig gebaut und dann höchstbietend verscherbelt. Zwar verweist die Stadtspitze auf vertragliche Regelungen, doch ist in solchen Fällen der Ausstieg noch allemal eine Frage des Preises.

Die verworrene, zugespitzte Gemengelage mahnt alle Akteure, sich nicht weiter in kleinkarierten Streitereien zu zermürben. Für die Stadtgewaltigen bedeutet der absehbare Rückzug der MAB einen Schuss vor den Bug. Die Gesetze des Marktes haben jäh einen Höhenflug beendet. Plan B, so er nicht doch längst in Schubladen liegt, muss her. Das verlangt der Wandel.