LEITARTIKEL · NAHVERKEHR: In der Spur

WILLI BÖHMER 02.03.2013

Ulm muss mehr für saubere Stadtluft tun, sagt die Europäische Union. Sie sagt Ulm und meint die Region, weil von dort täglich viele Autos anrollen, die die Stadtluft mit Stickstoffoxid anreichern. Wer diese Luftschadstoffe deutlich reduzieren will, muss attraktive Alternativen zu den Diesel-Stinkern auf der Straße schaffen.

Was die EU nicht weiß: Die Region tut etwas dafür, die Stinker aus der Stadt herauszubekommen. Vor wenigen Tagen traf der Planfeststellungsbeschluss der Regierung von Oberbayern ein, der die Voraussetzung schuf für die Reaktivierung des Personenzugverkehrs von Ulm über Senden nach Weißenhorn. Es ist ein wichtiges Signal zur rechten Zeit.

Diese Strecke allein macht noch keine saubere Luft. Aber sie setzt Maßstäbe. So wie damals die Entscheidung der Stadt Ulm, die einzige noch existierende Straßenbahnlinie von Söflingen zur Donauhalle nicht stillzulegen, sondern zu modernisieren und neue Wagen zu kaufen. Heute rollt die Tram bis Böfingen, weitere Linien sind geplant. Die Wagen sind voll. Eine Erfolgsstory.

Ähnliches muss für die neue Bahnlinie nach Weißenhorn gelten: Sie ist der erste Baustein eines S-Bahn-Systems, das die Doppelstadt Ulm/Neu-Ulm und die Region noch enger verbindet. Die Pläne für dieses Schienenkonzept liegen in den Schubladen des Regionalverbands. Die Strecken ins Blautal und nach Ehingen, aber auch in Richtung Heidenheim, sind ausgearbeitet. Dass sie bisher nicht herausgeholt wurden, hat viele Gründe. Der berechtigte Sparkurs der Landesregierung ist einer davon. Wer spart, muss Prioritäten setzen. Dieses S-Bahn-Konzept verdient eine solche.

Applaus allein bringt dieses wichtige Großprojekt für die Region nicht voran. Die bayerische Staatsregierung zeigt sich in dieser Angelegenheit deutlich fortschrittlicher als die baden-württembergische. Sie misst dem ersten Zweig dieses S-Bahn-Netzes, dem nach Weißenhorn, grundsätzliche Bedeutung bei und hat ihn zum Pilotprojekt für ähnliche Vorhaben in ganz Bayern erhoben. Das wird dem Vorhaben eher gerecht als die vornehme Zurückhaltung aus Stuttgart.

Im Zentrum all dieser Pläne steht das Oberzentrum Ulm/Neu-Ulm und sein Bahnhof. Er ist der Knotenpunkt, der Umsteigepunkt auch auf die schnellen ICE, die hoffentlich in nicht allzu ferner Zukunft auf der Neubaustrecke der Bahn in die Stadt brausen. Wenn der Bahnhof ICE-gerecht umgebaut wird, muss diese Anknüpfung optimal ausgebaut werden. Was sollen tröstende Worte, dass man ja noch später nachrüsten könne, falls es notwendig werden sollte? Nachrüsten wird teurer und birgt die Gefahr, zum Flickwerk zu verkommen.

Wer glaubt, es gehe bei diesem Nahverkehrskonzept nur um die Alternative Straße oder Schiene, der irrt gewaltig. Landkreise, Städte und Gemeinden beidseits der Landesgrenze bis zum Bodensee haben sich zum Schwabenbund zusammengeschlossen, weil sie erkannt haben, dass sie sich entscheiden müssen: Entweder schafft es diese Region, sich zwischen den Metropolen Stuttgart und München als starke Einheit zu behaupten, oder sie wird dramatisch an Bedeutung verlieren. Und nichts wäre geeigneter, eine neue starke Region zusammenzubinden, als ein gut ausgebautes Schienennetz mit ausgeklügeltem Bussystem von seinen Endhaltestellen aus in den strukturschwachen ländlichen Raum hinaus.