LEITARTIKEL · IHK: Der Ausnahmepräsident

FRANK KÖNIG 04.08.2012

Man muss das durchaus differenziert betrachten. In Ulm ist der Fall des Handwerkskammerpräsidenten, der seine Amtszeit über die Altersgrenze hinaus verlängern wollte, noch unvergessen: mit S-KlasseDienstwagen und über 3000 Euro Aufwandsentschädigung im Monat. Das ist natürlich angenehm.

Bei Peter Kulitz sieht die Sache in der angestrebten dritten Amtszeit aber anders aus. Er hat keine materiellen Vorteile vom Präsidentenamt, das er seit 1993 bei der IHK ausübt, und wirkt eher als Getriebener, der die Werte und Ziele mittelständischer Familienunternehmen in Politik und Gesellschaft stärker verbreiten will. Außerdem soll die Lex Kulitz, die angestrebte Ausnahme von der Amtszeitbegrenzung, vor allem dazu dienen, den Einfluss der Kammer - und somit der Region - in Stuttgart und Berlin sicherzustellen.

Der Sechzigjährige gilt nicht zuletzt als begnadeter Netzwerker, der durch seine Delegationsreisen beste Kontakte zu hochrangigen nationalen und internationalen Gesprächspartnern hat. Die häufigen Reisen, die Kulitz übrigens aus eigener Tasche zahlt, werden zwar teilweise belächelt. Wer jedoch einmal erlebt hat, welche Türen einer Delegation deutscher Politiker und Wirtschaftsbosse im Ausland aufgehen, kann nachvollziehen, was Kulitz daran fasziniert. Im Gegensatz zu manchem Berliner Spitzenpolitiker spricht er gepflegtes Englisch und Französisch und kann somit in den Details verstehen, was abläuft.

Das zeitliche Engagement des IHK-Präsidenten ist ebenfalls legendär, was natürlich potenzielle Nachfolger nicht ermutigt. Kulitz hat die Verantwortung bei seiner Firma Esta - einem Hersteller von Absauganlagen und Schwimmbädern - großteils delegiert. Für ihn ist das Amt, vor allem seit der Übernahme der Präsidentschaft im baden-württembergischen Industrie- und Handelskammertag - dadurch mit Vorstandssitz beim DIHK in Berlin - ein Vollzeitjob.

Seither ist er auch Cheforganisator von Delegationen des Ministerpräsidenten und Wirtschaftsministers, beispielsweise in die Türkei oder nach Brasilien. Bei der Lektüre seines Tätigkeitsberichts dürften dann die Ulmer Vizepräsidenten Werner Utz von Uzin, Speditionsunternehmer Harry Seifert und Clemens Keller von Seeberger dankend abgewunken haben.

Es gibt also keinen Nachfolger, der nach zehn Jahren Kulitz in den Startlöchern stünde - wobei das wohl auch bei seinem Vorgänger Siegfried Weishaupt der Fall war. Kulitz wurde als Nachrücker mehr oder weniger direkt ins Präsidentenamt katapultiert. Weit schwerer als Argument für die Verlängerung seiner Amtszeit wiegt jedoch das überregionale Mandat, das Kulitz im November in Stuttgart ein zweites und letztes Mal antreten kann - seine Wahl vorausgesetzt.

Es wirkt glaubhaft, dass Kulitz nicht am Präsidentenamt klebt, sondern in der derzeitigen Konstellation eher ein Glücksfall ist. Einem Votum der Vollversammlung zugunsten der Ausnahmeregelung dürfte daher nichts im Wege stehen - zumal Kulitz die Verlängerung nur bis Ablauf einer zweiten möglichen Amtsperiode in Stuttgart Ende 2014 in Anspruch nehmen will und nicht, wie theoretisch möglich, bis 2018.

Er hat selber kein Interesse daran, nach dem Abschied von der großen Bühne als "lame duck", also als lahme Ente, in Ulm weiterzumachen, bei Sektempfängen herumzustehen oder Urkunden für Betriebsjubiläen auszuteilen. Das wirkt ehrlich, und daher ist eine Verlängerung unter diesen Vorzeichen fast logisch.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel