Leidenschaftliche Poeten und Mahner

SUSANNE RUDOLPH 09.07.2015

Nicht von ungefähr engagiert sich der in Chile aufgewachsene Fiechtner seit 1970 bei Amnesty International. Nun also wieder ein Buch und wieder mit Vesely: "Mit Möwenzungen in der Mehrzweckhalle" lautet der Titel des in der Edition Kettenbruch erschienenen Bandes, der in seiner Verknüpfung von Poesie und Alltag typisch ist für Fiechtner.

Ganz und gar nicht typisch und daher überraschend ist der sehr persönliche Einblick, den die beiden Künstler hier in ihr Leben gewähren. Das erste Konzert, das Vesely 1975 als Gefangener im Folterzentrum Villa Grimaldi in Santiago gab, steht in verstörendem Kontrast zur allerersten Veranstaltung Fiechtners 1963, zu der der Achtjährige am chilenischen Nationalfeiertag als kleiner Kadett verkleidet wurde und zum patriotischen Jubelgeschrei der Deutschen vor einem hohen Militärkomitee aufmarschieren musste.

Die Erfindung der gemeinsamen Konzertlesungen und der Beginn einer wunderbaren Freundschaft, erfährt der Leser amüsiert, geht zurück auf einen fehlenden Schlüssel zum zweiten Veranstaltungsraum. Und was deutsch-chilenische Sprachverwirrungen bewirken oder wie qualvoll eine Lesung vor Achtklässlern sein kann, schildert Fiechtner mit Humor und feiner Selbst-Ironie.

Dazwischen lockern Sergio Veselys mal glühende, mal volksliedhafte, aber immer berührende Verse und Fiechtners melancholisch luftige Gedichte, in denen er einmal mehr mit unverbrauchten Bildern und Wortarabesken fesselt, die bisweilen didaktisch recht überwürzte Prosa auf. Auch als Botschafter in eigener Sache kann Fiechtner das Warnen nicht lassen.

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