Vorneweg ist eines wichtig zu betonen: Die Pilotanlage an der Kreuzung Mähringer Straße/Loherstraße in Lehr ändert nichts an der Verkehrssituation. Alles bleibt so, wie es ist. Angefangen bei der Vorfahrtsregelung bis zur Tempobeschränkung. Und dass sich zwei autonom fahrende Versuchsautos ab und zu über die Kreuzung bewegen, ist auch nichts Besonderes. „Der Verkehr läuft wie gewohnt“, erläutert der Ulmer Wissenschaftler Dr. Michael Buchholz. Er, der am Institut für Mess-, Regel- und Mikrotechnik zum Thema „Automatisiertes Fahren“ forscht, verweist auf den erfolgreichen Einsatz automatisierter Fahrzeuge im Ulmer Stadtgebiet und auf dem Oberen Eselsberg. „Nichts ist in all den Jahren passiert“, so Buchholz. „Außerdem sitzt immer noch ein Sicherheitsfahrer am Steuer, der im Notfall eingreifen kann.“

Jetzt also: die Kreuzung im Stadtteil Lehr, die nicht von ungefähr als Teststrecke für eine Pilotanlage ausgesucht wurde. Denn im Mittelpunkt des Projekts steht das Abbiegen an einer schwer überschaubaren Kreuzung oder das Einfädeln auf eine stark befahrene Straße“, erklärt Buchholz.

Die Kreuzung Mähringer Straße/Loherstraße ist quasi prädestiniert für die Pilotanlage, die Mitte November aufgebaut wird.  Der Fahrer muss, wenn er aus der Mähringer Straße in die Loherstraße einbiegen will, anhalten und sich einen Überblick über die Verkehrssituation verschaffen. Was macht ein automatisiertes Fahrzeug? Sensoren allein helfen in diesem Fall nicht weiter, „auch Sensoren können nicht um die Ecke schauen“, sagt Buchholz. Die Lösung: Gemeinsam mit Projektpartner Osram werden die Leuchtenmasten im Kreuzungsbereich mit speziellen Kameras und Sensoren ausgestattet. Herzstück der Anlage ist ein lokaler Server, der über das Mobilfunknetz mit der Infrastruktursensorik und dem Fahrzeug vernetzt.

Die Daten geben dem hochautomatisierten Fahrzeug in Echtzeit einen umfassenden Überblick über die aktuelle Verkehrslage im Kreuzungsbereich. So können andere Verkehrsteilnehmer – egal ob Autos, Fahrräder oder Fußgänger – früher erkannt werden. Letztendlich soll dies dabei helfen, den Verkehr flüssiger zu machen sowie Staus und Unfälle zu vermeiden.

Das von Bosch koordinierte Verbundprojekt, das vom Bundeswirtschaftsministerium mit 5,8 Millionen Euro gefördert wird, trägt den Titel „Mobile Edge Computing basierte Objekterkennung für hoch- und vollautomatisiertes Fahren“. Zu den Projektpartnern von „MEC-View“, so die Abkürzung, gehören die Unis Duisburg-Essen und Ulm sowie die Robert Bosch GmbH, Daimler, Nokia, Osram, TomTom und die Firma IT-Designers. Assoziierter Partner ist die Stadt Ulm.

Ein Messsystem ist den Wissenschaftler nicht genug. Um die Genauigkeit der eigentlichen Pilotanlage zu überprüfen, wird ein Referenzsystem aufgebaut: mit temporären Behelfsmasten und entsprechender Sensorik inklusive der Traversen zur Kabelführung über die Straße. Das Projekt läuft über zwei Jahre.

Kameras und der Datenschutz


Recht Hinsichtlich des Datenschutzes seien alle Projektpartner an die gesetzlichen Vorschriften zur Wahrung des Rechtes auf Privatsphäre und auf informationelle Selbstbestimmung gebunden, heißt es in der Pressemitteilung der Uni. Entsprechende Datenschutzkonzepte wurden erarbeitet und, wo erforderlich, den Landesdatenschutzbeauftragten vorgelegt. Die Verarbeitung der personenbezogenen Daten, die über die Infrastruktursensoren erfasst wurden, erfolgt unter Beachtung aller datenschutzrechtlich erforderlichen Regelungen und Belange. Weitere Infos und Ansprechpartner bei Fragen sowie ein Dokument zur Datenverarbeitung finden sich auf der Webseite zum Projekt www.mec-view.de. Zum Abschluss des Projektes wollen die Projektpartner die Ergebnisse ihrer Forschung in einer öffentlichen Veranstaltung vorstellen.