Neu-Ulm Legionellen: Menschen im Donaucenter sitzen wieder auf dem Trockenen

Das Donaucenter und die Legionellen: Der Koloss in Neu-Ulm wird von winzig kleinen Bakterien geplagt.
Das Donaucenter und die Legionellen: Der Koloss in Neu-Ulm wird von winzig kleinen Bakterien geplagt. © Foto: Lars Schwerdtfeger
EDWIN RUSCHITZKA 27.06.2013
Seit Monaten dürfen die Bewohner des Donaucenters nicht duschen. Am Wochenende sollen sie sich auch nicht waschen. Eine große Desinfektion der von Legionellen befallenen Wasserleitung steht an.

Es ist ein Drama. Am Mittwoch saßen die etwa 500 Bewohner des Donaucenters, aber auch die Arztpraxen, Geschäfte und Dienstleister mal wieder vollkommen auf dem Trockenen. Auch von Freitag bis einschließlich Montag soll das Wasser nicht zum Kochen, nicht zum Duschen, auch nicht zur Körperpflege benutzt werden. Nur das Klospülen und das Geschirr- und Wäschewaschen ist erlaubt. Was ansteht, ist eine zweite, große Desinfektion des mit Legionellen verseuchten Wasserleitungssystems unter massivem Einsatz von Chemie. So versucht die Hausverwaltung das Problem mit den gefährlichen Keimen in den Griff zu bekommen – und das schon seit acht Monaten. Ein Ende ist nicht in Sicht.

Im November war bei routinemäßigen Kontrollen ein massiver Legionellenbefall festgestellt worden. Gemessen wurden bis zu 15.500 so genannte Kolonien bildende Einheiten (KBE). Ab einem Wert von 10.000 KBE wird von einer extrem hohen Kontamination gesprochen. Seither hat die Hausverwaltung mehrere Maßnahmen ausprobiert, um das Problem zumindest zeitweilig in den Griff zu bekommen. Bislang erfolglos, denn der Legionellenbefall ist in Teilen der Rohrleitung nach wie vor recht hoch. Im März waren wieder über 13.000 KBE gemessen worden. Der öffentliche Gesundheitsdienst im Neu-Ulmer Landratsamt hat deshalb sein im November ausgesprochenes Duschverbot nicht zurückgezogen. Die Hausverwaltung muss nach Auskunft von Stephanie Kurz, der stellvertretenden Geschäftsbereichsleiterin beim Gesundheitsdienst, definitiv bis zum 15. Juli eine so genannte Gefährdungsanalyse vorlegen und erklären, wie sie das Problem generell angehen will. Die Frist wurde um einen Monat verlängert.


Nach Auskunft von Jochen Sporhan, Apotheker im Haus und Sprecher der Eigentümergemeinschaft, hat man endlich ein Ingenieurbüro in München gefunden, das das Problem grundlegend angehen will. Die Suche nach so einem Büro habe sich als überaus mühsam erwiesen, erklärt Sporhan: „Keiner wollte an die Sache rangehen, wir haben uns fast 25 Absagen eingehandelt.“

Der teils massive Einsatz von Chemie sei nämlich keine Dauerlösung, vielmehr sei eine grundlegende Sanierung des Wasserleitungssystems notwendig. Wofür die Hausgemeinschaft der etwa 320 Wohnungseigentümer einen „untereren siebenstelligen Betrag“ zurückgelegt habe. Einen genauen Betrag wollte Sporhan nicht nennen. Das zurückgelegte Geld soll möglichst ausreichen. Sollten die Sanierungskosten aber zu hoch sein, schließt er eine zu erhebende Sonderumlage nicht aus.

Auch die Kaltwasserleitungen sind von Legionellen befallen

Sporhan zeigt sich ratlos: Auch die Erhöhung der Wassertemperatur in den Kesseln habe nicht den erhofften Erfolg gebracht. Im Gegenteil: Nach Auskunft von Friedrich Mayer-Reiter, Mieter im Donaucenter und ehemaliger Anwalt, sind auch die Kaltwasserleitungen von Legionellen befallen. Der Grund: Auch das Kaltwasserleitungssystem heize sich auf, in den oberen Etagen fließe kaltes Wasser mit 36 bis 37 Grad aus dem Hahn. Solche Temperaturen sind geradezu ideal, damit sich die Keime vermehren.

Dazu kommt laut Sporhan ein weiteres Problem: Teile des Wasserleitungssystems würden seit Jahren nicht mehr kontinuierlich durchgespült. Was auch damit zusammenhänge, dass die Anzahl der Bewohner rückläufig sei. Kinder seien ausgezogen, oft lebten in einer Wohnung nur noch ein oder zwei Personen. Sporhan: „Auch hier schlägt der demografische Wandel zu.“ Genaue Zahlen hat Sporhan nicht parat. Er schätzt aber, dass zu den besten Zeiten bis zu 1000 Menschen im Center gewohnt haben. „Da wurde dann öfters geduscht und die Leitungen wurden besser durchspült.“

Die Bewohner des Donaucenters haben sich mit der Problematik offenbar arrangiert. Anfangs vereinzelt geäußerte Proteste sind kaum noch zu hören. Sporhan glaubt, dass 50 Prozent außerhalb des Donaucenters duschen, „und 50 Prozent missachten das Verbot sicher“. Die Gefahr beim Duschen besteht darin, dass die Legionellen im Wasser-Luft-Gemisch eingeatmet werden können. Alte und geschwächte Menschen können daran erkranken, im schlimmsten Fall sogar sterben. Doch solche Fälle hat es im Donaucenter bislang nicht gegeben. Einige Bewohner haben bei Sporhan einen Duschkopf mit einem speziellen Filter gekauft, den er, eigenen Angaben nach, zum Selbstkostenpreis abgibt.

Friedrich Mayer-Reiter hat im Februar Strafanzeige gegen die Eigentümergemeinschaft und die Hausverwaltung gestellt. Sein Vorwurf: Verstöße gegen das Infektionsschutzgesetz und versuchte Körperverletzung. Die Staatsanwaltschaft in Memmingen habe ermittelt, sagt er, sich dann aber dazu entschieden, kein Verfahren zu eröffnen. Worauf Mayer-Reiter Beschwerde bei der Generalstaatsanwaltschaft eingelegt hat. Und siehe da: Jetzt habe ihm die Staatsanwaltschaft mitgeteilt, dass die Ermittlungen wieder aufgenommen werden sollen. „Das ist nicht wirklich eine Überraschung, hätte sich die Staatsanwaltschaft in Memmingen ansonsten wohl mit dem Vorwurf des Wegschauens konfrontiert gesehen.“