Ulm Leben lernen: Die Langenauer Autorin Fee Katrin Kanzler über ihren zweiten Roman

Ulm / LENA GRUNDHUBER 13.09.2016
Die Langenauer Autorin Fee Katrin Kanzler hat gerade ihren zweiten Roman vorgelegt. „Sterben lernen“ heißt er. Und handelt eigentlich vom Leben.

Nach Ihrem Debüt „Die Schüchternheit der Pflaume“ ist Ihr zweiter Roman erschienen – jetzt sind Sie so richtig Schriftstellerin, oder?

FEE KATRIN KANZLER: Ja, langsam glaube ich selber, dass ich das kann! Nach meinem ersten Buch dachte ich noch, das war vielleicht ein Glückstreffer, jetzt fühle ich mich sicherer mit der Bezeichnung.

Wie war das denn damals nach Ihrer ersten Veröffentlichung im Jahr 2012?

KANZLER: Es war aufregend, das erste Mal in einem großen Feuilleton aufzutauchen und zu sehen: Hey, mein Buch ist in der FAZ! Und dann natürlich die Erfahrung, auf der Buchmesse in Frankfurt zu sein, wo Sibylle Berg an einem vorbeiläuft und man feststellt, dass sie wirklich existiert. Dort ergeben sich natürlich Kontakte. Die Resonanz auf das Buch damals war großteils positiv, ich habe nur einen wirklichen Verriss bekommen – im Satiremagazin „Titanic“, insofern fand ich das eher spannend. Meine Lektorin und ich waren beim neuen Buch extrem sorgfältig, weil dieses Mal vielleicht doch genauer aufs Handwerk geschaut wird als beim Erstling. Ich habe ungefähr drei Jahre lang daran gearbeitet und dann nochmal drei Monate mit meiner Lektorin gefeilt.

In Ihrem Debüt war die Protagonistin eine junge Frau, die vor allem mit sich selbst beschäftigt ist, jetzt ist der Held ein Mann. Wieso der Perspektivwechsel?

KANZLER: In „Die Schüchternheit der Pflaume“ ging es um die Selbstbeobachtung der jungen Frau, der Roman war ja auch in der Ich-Perspektive geschrieben. Die Figur des Henry in „Sterben lernen“ basiert viel mehr auf der Beobachtung anderer Menschen, bei denen ich mich frage, ob sie glücklich sind, was sie eigentlich wollen im Leben. Henry ist ein Mann, der bald 40 wird und in der klassischen Midlife-Crisis steckt. Er hat so vor sich hin gelebt, obwohl er ursprünglich etwas anderes wollte. Die Figur ist doppelt gewagt für mich: Er ist ein Mann, der ein paar Jahre älter ist als ich und Erfahrungen hat, die ich selbst nicht habe – zum Beispiel mit Familie, mit einer heranwachsenden Tochter, zu der er keinen Draht hat. Da musste ich mich also sehr auf Beobachtung verlassen. Ich frage deshalb oft ganz bewusst Leute nach ihrem Leben und stelle fest, dass sie gerne erzählen. Viele finden es schmeichelhaft, wenn man sich mit ihnen beschäftigt.

In seiner Krise lernt Henry die 16-jährige Joe kennen, ein Outcast. Sie ist von der Schule abgegangen, um als Grabpflegerin zu arbeiten, trägt Dreadlocks, schläft mit dem Kneipier. Zwischen Henry und Joe entspinnt sich eine Art Beziehung.

KANZLER: Henry trifft auf dieses viel zu junge Mädchen, und sie bringt ihn darauf, dass er nicht glücklich ist. Er wird für sie in die Bresche springen und sich dabei selbst in Gefahr bringen . . . Mir ging es darum, einen Dialog zwischen den Figuren in Gang zu bringen, weil ich beim ersten Buch gespürt habe, dass sich die Protagonistin in ihrer Selbstbeobachtung stark einkapselt – da wollte ich rauskommen. Auch die Sprache ist eine leicht andere. Der erste Roman war wie ein schwerer Rotwein, jetzt ist der Ton leichter, humorvoller, sarkastischer. Ich hatte ein bisschen Angst, dass ich von der Grenze zum Schwulst, an der ich mich entlangbewegt habe, nicht mehr wegkomme. Jetzt bin ich sehr froh, dass mir das gelungen ist, ohne meine eigene Sprache aufzugeben.

Das Buch heißt „Sterben lernen“ – wieso?

KANZLER: Immer wenn es um den Tod geht, geht es ja eigentlich um das Leben. Sterben lernen heißt also leben lernen für Henry. In meiner Vorstellung fängt sein Leben nach dem gefährlichen Vorfall mit Joe gerade erst an.

Und was gilt es zu lernen?

KANZLER: Offen zu bleiben für Veränderung, denn wir leben in einer Welt, die uns ständig mit Neuem konfrontiert, in der Dinge nicht mehr sicher sind, die wir für sicher gehalten haben, Ich habe den Eindruck, dass unsere Generation sehr viel Veränderung mitbekommt und dass sich dieser Prozess beschleunigt. Auch in Beziehungen tut sich ja ganz viel. Die Lösung dafür können wir nicht mehr in vorgefertigten Formen suchen – dafür steht die Beziehung meiner zwei Protagonisten, die sich in jeweils fremde Leben hineinbegeben. Und so ist auch das Zitat von Tom Waits gemeint, das ich dem Roman vorangestellt habe: „Never drive a car when you’re dead“, also: wach bleiben.

Lesungen in der Region

Die Autorin Fee Katrin Kanzler, 35, studierte Philosophie und Anglistik in Tübingen und Stockholm, war Stipendiatin des Klagenfurter Literaturkurses und erhielt den Förderpreis für Literatur der Stadt Ulm sowie das Jahresstipendium vom Land Baden-Württemberg. Sie lebt in Langenau und arbeitet auch als Lehrerin für Englisch und Philosophie. „Sterben lernen“ ist wie ihr erster Roman bei der Frankfurter Verlagsanstalt erschienen. (221 Seiten, 19.90 Euro). Die Zeichnungen auf dem Buch-Cover stammen von ihrer eigenen Hand.

Termine Buchpremiere feiert Kanzler im Kulturzentrum Wolfgang-Eychmüller-Haus in Vöhringen am heutigen Dienstag um 19.30 Uhr. Außerdem hält sie eine Lesung in der Ulmer Buchhandlung Jastram am Freitag um 19 Uhr. lgh

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