Kaufrausch Lauter schöne Fehlkäufe: Über die Anziehungskraft von Dingen

Falsch entschieden: Elke Kastner findet diesen Rock zwar toll, aber für sie ist er einfach nicht gemacht, sagt sie. Derartige Zweifel kennt Jürgen Zink nicht. Er meint, er müsse nur lang genug warten, dann findet er ein Lied für jede seiner Trommeln. Sein letzter Kauf und ganzer Stolz ist die Bass Drum von "Trixon".
Falsch entschieden: Elke Kastner findet diesen Rock zwar toll, aber für sie ist er einfach nicht gemacht, sagt sie. Derartige Zweifel kennt Jürgen Zink nicht. Er meint, er müsse nur lang genug warten, dann findet er ein Lied für jede seiner Trommeln. Sein letzter Kauf und ganzer Stolz ist die Bass Drum von "Trixon". © Foto: Lars Schwerdtfeger
Ulm/Neu-Ulm / BEATE ROSE 11.10.2014
Manche Dinge machen einen schöner, besser, cooler. Glaubt man im Laden. Daheim können sie sich als Fehlkauf herausstellen. Wie es nicht zu Fehlkäufen kommt, ist mitunter nur Definitionssache, sagt ein Musiker.

Dinge besitzen Anziehungskraft. Jeder, der Mode liebt, wird das bestätigen. Doch manchmal besitzen die falschen Dinge Anziehungskraft, jene, die einen so gar nicht gut aussehen lassen. Komisch, dass man das natürlich nie im Laden erkennt, sondern erst hinterher, daheim, wenn man überlegt, dass man zu auberginefarbenen Stiefeletten kein Kleid hat. Oder dass man für das schwarz-weiße Kleid im 70er-Jahre-Stil mit zuckersüßer Schleife nie einen Anlass haben wird, es zu tragen.

Die Ladeninhaberin Alle machen Fehlkäufe. Kaum jemand steht öffentlich dazu. Elke Kastner, Inhaberin des Ulmer Geschäfts "der Rabe", Motto: "besondere Mode für besondere Menschen", macht eine Ausnahme: Von Sportgeräten berichtet sie, wie einem Trampolin, welches sie nie benutzt hat, von Dingen wie einer Sprechanlage, die von Zimmer zu Zimmer ging und völliger Quatsch war, weil sie in einem Reihenhaus gewohnt hatte und nicht in einem Palast. Von Schuhen, die zu eng waren, und natürlich von Klamotten. Ihr jüngster Fehlkauf: ein kurzer, sandfarbener Rock. "Der sieht schon gut aus, aber ich fühle mich darin nicht wohl", sagt sie.

Dabei würde der Rock ihrer besten Freundin ausgezeichnet stehen. Weil diese Freundin immer "süß und burschikos" aussehe, fand Elke Kastner, dass sie den Rock auch brauche. Und genau so kommt es zu Fehlkäufen, weil man schlichtweg vergisst, was einem selbst steht, weil man "Stil und Schönheit einer anderen Person" haben möchte. Nur: Trotz des neuen Rocks, der neuen Bluse, des neuen Kleides wird man einfach kein neuer Mensch. Und wenn man sich im neuen Teil nicht wohlfühlt, ist dessen Schicksal besiegelt: Es endet als Schrankleiche.

Dabei sei es mit Mode wie mit interessanten Menschen. "Man verliebt sich", formuliert es Kastner. Was, wenn die Liebe den Falschen oder das falsche Kleidungsstück trifft? Dann kann sich eine Fehlentscheidung zwar nicht fürs Leben, aber im Laden anbahnen. Kastner gibt Tipps, wie man sich davor schützt: Nie hungrig und unter Zeitdruck einkaufen, denn Hunger und Stress verführen zum Kaufen. Nie mit Freundinnen einkaufen. Dabei mögen gerade Frauen das, shoppen mit Freundinnen. "Welche Freundinnen beantworten denn die Frage ehrlich: Macht das dick?"

Was ist mit Hoffnungskäufen, also mit Käufen von Kleidern, die einen in drei Monaten passen, weil man bis dahin vielleicht, vielleicht vier Kilo abgenommen hat? Gibt es durchaus, sagt Elke Kastner. Für manche der Kundinnen hat sie diesen Witz parat: "Nehmen Sies größer und essen Sie sich rein."

Mit ihren Fehlkäufen geht Kastner so um: Erst müssen sie im Schrank eine Ehrenrunde drehen, dann werden sie verschenkt. An Frauen, denen die guten Stücke stehen.

Der Musiker Die Königsdisziplin des Shoppens mag für manche Frauen der Schuhkauf sein, für Jürgen Zink (22), Musiker, ist es das Kaufen von Trommeln. Er ist Mitinhaber der Neu-Ulmer Musikschule "Masters&Arts - das Profi-Musikinstitut", das vor einem Jahr in der Memminger Straße eröffnet hat. Die Musikschule hat einen großen Keller, und dort stapeln sich Zinks Schätze, die er quer durch Deutschland zusammenträgt: Da sind allein etwa 50/60 Snare Drums, diverse Drum Sets, Percussion wie Congas und Cajones, die Sitztrommel. Warum er so viel besitzt? "Zum Musiker gehört es dazu, dass er einen guten Sound hat." Jeder Musiker werde zum Sammler seines Instruments. Zink liefert die beste aller Entschuldigungen für Fehlkäufe: "Auch, wenn ich am Anfang dachte, ich hab mich verkauft - bisher habe ich alle Trommeln gebraucht. Selbst ein billiger Eimer macht den Sound, der zu einem bestimmten Lied passt." Manchmal dauere es eben, bis Instrument und Lied zusammenfinden. Zink meint, er habe "alle Instrumente" verwerten können, selbst die unsägliche Blockflöte aus Kindertagen. Sie endete als "wunderbares Anfeuerholz" im Kamin.

Zink sammelt Trommeln aus den 60er und 70er Jahren. "Die Materialien waren viel wertiger als heutzutage. Das Holz schwingt ganz anders", begeistert er sich. Er mag den "mumpfigen Sound" der Schlagwerke dieser Zeit, weil der Platz für andere Instrumente lasse. Fundgrube für seine Käufe ist die Internetplattform Ebay. Die sei jedoch für ihn "echt gefährlich, weil ich da immer was finde". Ist Zink zu Auftritten unterwegs, dann schaut er zuvor bei Ebay nach, ob auf dem Weg zum Auftrittsort gerade jemand eine Trommel anbietet. Sein jüngstes Schätzchen stammt aus Weimar. "Da hab ich extra Platz im Auto gelassen." Für 300 Euro hat er eine Bass Drum der Marke "Trixon" gekauft. "Die klingt super." Nur muss er die Trommel jetzt herrichten, was ein bisschen wie Denkmalpflege sei. Danach heißt es warten, aufs Lied, das zur Trommel passt.

Verschenken, so wie manche Frauen es mit ihren Fehlentscheidungen im Laden tun? "Nein, nie! Lieber verleihe ich es."

Auch eine Idee, mit den Fehlkäufen umzugehen.

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