Jung, weiblich, draufgängerisch – drei Gründe, warum sich der Widerstand der Weißen Rose in ihrer Person verdichtete: Sophie Scholl. Die zweieinhalb Jahre jüngere Schwester von Hans Scholl wurde über Jahrzehnte zur Kultfigur überhöht, unzählige Bücher und Filme rückten die junge Frau in den Mittelpunkt. In ihrem Schatten standen Hans und die anderen Mitglieder der Weißen Rose. Was sich mit den „Identifikationsbedürfnissen unserer Gesellschaft“ erklären lässt, wie Dr. Nicola Wenge, Leiterin des Dokumentationszentrums Oberer Kuhberg, anlässlich des 75. Jahrestags der Ermordung der Geschwister am 22. Februar 1943 feststellte. „Sophie Scholl ist eine Projektionsfläche für unsere Sehnsüchte nach individuellen Vorbildern. Allerdings führt diese Sehnsucht auch schnell zu Heroisierungen, die sich dann von der realen Person lösen.“

Soll heißen: Die Rolle, die Sophie Scholl in der Widerstandsgruppe einnahm, war durch die Realität nicht gedeckt. Die führenden Köpfe waren Hans Scholl und Alexander Schmorell – eine Sichtweise, die sich in der Aufarbeitung der Geschichte der Weißen Rose erst durchsetzen musste. Auch gegen die lange Jahre dominierende Darstellung von Inge Aicher-Scholl, die mit ihrem Buch „Die Weiße Rose“ den Geschwistern ein Denkmal errichtet hat. Wissenschaftlich ist das Werk nicht zu nennen, es stellt eher ein Stück persönlicher Erinnerungsversuch dar, getrieben vom Wunsch, Hans und Sophie nicht dem Vergessen anheim fallen zu lassen. Fakten und Fiktion vermischen sich, versehen mit einer Dosis Heroisierung.

Tiefe Depression

Der Fokus hat sich in den vergangenen Jahren verschoben: eben auf Hans Scholl. Nicht zuletzt ist dies dem Umstand geschuldet, dass er heuer 100 Jahre alt geworden wäre. „Flamme sein! Hans Scholl und die Weiße Rose“, die in diesem Frühjahr erschienene Biographie von Robert M. Zoske, legt den Schwerpunkt auf die, wie er schreibt,  „Wende- und Reifezeit“ des jungen Medizinstudenten und auf dessen wachsende Religiosität. Vieles ist bekannt – auch Scholls gleichgeschlechtlichen Kontakte; das Verdienst des evangelischen Theologen Zoske aber ist es, ein umfassendes Bild zu zeichnen. Auch das des jungen Dichters Hans Scholl, der in seinen Gedichten gegen die tiefe Depression ankämpft, in der er sich seit seiner Haft wegen des Vorwurfs der Homosexualität befindet. Scholls Freiheitsdrang, so Zoske, sei ein aboluter gewesen, der in dem Satz „Ganz leben oder gar nicht“ zum Ausdruck kommt.

Jakob Knab legt in diesem Spätsommer das Werk „Ich schweige nicht. Hans Scholl und die Weiße Rose“ vor. Der katholische Theologe skizziert ebenso wie sein evangelisches Pendant die Sinnsuche des Hans Scholl und dessen Hinwendung zur christlichen Gläubigkeit, die er im Frühjahr 1942 auch in Klöstern zu finden glaubte. In der Abtei Weltenburg bewahrte beispielsweise Pater Mauritius Schurr die Schreibmaschine auf, auf der die Flugblätter der Weißen Rose getippt worden waren.

Info Robert M. Zoske liest am Dienstag, 2. Oktober, aus der Scholl-Biographie „Flamme sein! Hans Scholl und die Weiße Rose“. Die Veranstaltung findet im Club Orange der vh Ulm statt, Beginn ist um 20 Uhr.

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