Gegen die Masche „falscher Polizist“ schienen Justiz und echte Polizei lange machtlos. Denn die Drahtzieher sitzen im Ausland. Seit kurzem scheint sich das zu ändern. Erst am Mittwoch dieser Woche gelang Ermittlern in Deutschland und der Türkei  ein Schlag gegen eine entsprechende internationale Bande. Bei Großrazzien in NRW und der Türkei nahmen Polizisten am Mittwoch 28 Verdächtige fest. Am selben Tag verhaftete auch die Ulmer Polizei zwei Männer aus dem Raum Neu-Ulm, die als „falsche Polizisten“ Geld von älteren Menschen erbeutet haben sollen (siehe Seite 27).

Detaillierte Einblicke in Betrugsmasche

Was die jüngsten Fahndungserfolge mit dem am Donnerstag vor dem Ulmer Landgericht zu Ende gegangen Verfahren gegen einen 25-Jährigen zu tun haben? Nun, der junge Mann aus Lonsee hatte seit seiner Festnahme vor sieben Monaten derart umfassend mit den Ermittlern kooperiert, dass diese nicht nur detaillierteste Einblicke in die Funktionsweise der Betrugsmasche  erhielten, sondern ebenfalls  zuschlagen konnten. Aufgrund der Aussagen des Angeklagten nahm die Polizei Ende Januar am Flughafen München eine zur Bande gehörende Geldbotin mit Gold im Wert von mehr als 10 000 Euro im Gepäck fest. Die Frau, Deckname „Aishe“, hat mittlerweile ebenfalls ein Geständnis abgelegt.

Opfern Aussage erspart

Seinem Engagement als Kronzeuge und der Tatsache, dass er den teils traumatisierten und von großer Scham geplagten Geprellten eine Aussage vor Gericht ersparte, hat der 25-Jährige es zu verdanken, dass die Strafe gegen ihn mild ausfiel. „Ein derartiges Geständnis muss sich lohnen“, sagte der Vorsitzende Richter Wolfgang Fischer in der Urteilsbegründung. Drei Jahre Haft lautet das Urteil, mit dem die Kammer dem Antrag der Verteidigung entsprach. Die Staatsanwältin hatte in ihrem Plädoyer mit dreieinhalb Jahren allerdings eine nur unwesentlich längere Gefängnisstrafe gefordert.

Angeklagter zeigt Reue

Bei dem schmächtigen, jungenhaft und sich während der vier Verhandlungstage durchweg reuig zeigenden Angeklagten handelte es sich um ein kleines Licht am Ende der gigantischen Betrugskette. In den ihm zur Last gelegten zwölf Fällen hatte er als Geldabholer fungiert und dafür jeweils „Prämien“ zwischen 3000 und 7000 Euro kassiert. Für den „Lohn“ hatte er sich unter anderem eine Rolex-Uhr und ein Auto gekauft, den Rest in Spielhallen verzockt.

Immenser Schaden

Insgesamt entstand ein immenser Schaden. Die gutgläubigen, meist enormem psychischen Druck ausgesetzten Senioren wurden teilweise um ihre kompletten Ersparnisse – insgesamt fast 380 000 Euro gebracht. Wo das gelandet Geld ist, ist unbekannt.

Ausgeklügeltes System

Das Betrugssystem funktionierte so: Ein Anruf (aus der Türkei) bei den Senioren daheim markierte stets den Anfang. Am Telefon gab sich ein perfekt Deutsch sprechender Mann als „Kriminalkommissar“ aus. Er berichtete von Einbrecherbanden in der Nachbarschaft und gefundenen Listen, auf denen der Name des Angerufenen stehe. Auch die Mitarbeiter der „Hausbank“ des Senioren steckten mit den Einbrechern unter einer Decke, hieß es am Telefon. Sodann wurden die Angerufenen aufgefordert, ihr Geld schnellstmöglich von der Bank zu holen und daheim zu deponieren. Ein „Zivilbeamter“ werde die Wertsachen abholen und sicher verwahren.

Rückruf auf Fake-Nummer

Waren die mitunter hochbetagten Betrugsopfer skeptisch, wurden sie aufgefordert, die „110“ zu wählen. Was viele taten – allerdings ohne vorher lange genug aufgelegt zu haben. Und so wurden sie unter der listig geschalteten Fake-Nummer sogleich wieder mit der „Polizei“ verbunden.

Als Abholer befolgte der 25-Jährige  lediglich Anweisungen, die er in Echtzeit per Handy oder via Internet erhielt. Mit den Betrugsopfern persönlich kam er so gut wie nie in Kontakt. Er holte das bereitgestellte Geld ab und fuhr dann mit seinem Auto nach Augsburg oder auch ins Ruhrgebiet, wo er die Beute abzüglich seiner „Prämie“ einem so genannten und ihm unbekannten „Logistiker“ übergab. Dieser war dann für den Weitertransport in die Türkei verantwortlich.

Lebenslang Entschädigung zahlen

Für den entstandenen Schaden haftet der 25-Jährige dennoch voll. Nach seiner Entlassung aus der Haft wird er den Opfern oder deren Hinterblieben sein Leben lang Entschädigung zahlen müssen.