Ulm Läufers Schrumpfgehirn

Blau unterlegt sind die Areale, die besonders stark an Masse abnahmen, aber nach acht Monaten wieder hergestellt waren. Foto: Schütz, Freund, Billich
Blau unterlegt sind die Areale, die besonders stark an Masse abnahmen, aber nach acht Monaten wieder hergestellt waren. Foto: Schütz, Freund, Billich
RUDI KÜBLER 27.02.2013
Wer extreme Strecken läuft, dessen Gehirn schrumpft. Der Körper zieht Energie ab. Aber keine Angst: Der Prozess ist reversibel.

Laufen macht schlau - zu diesem Ergebnis kam vor Jahren der Ulmer Gehirnforscher Prof. Manfred Spitzer in einer Studie. Gedächtnis- und Konzentrationsfähigkeit verbesserten sich durch regelmäßiges Laufen, "Sport macht das Gehirn effektiver". Wer sich die neue Studie der drei Ulmer Mediziner Wolfgang Freund, Christian Billich und Uwe Schütz anschaut, der könnte zunächst zu einem ganz anderen Schluss kommen als Spitzer. Nämlich: Laufen macht dumm.

Denn: Wer extreme Langstrecken läuft, dessen Gehirn schrumpft - und das gewaltig, sagt Dr. Freund. Dass das menschliche Gehirn Jahr für Jahr an Masse verliert, ist bekannt. In der Regel kann man von 0,1 bis 0,2 Prozent ausgehen, sagt der Neurologe und Radiologe. Bei Langstreckenläufern stellte das Trio allerdings einen beängstigenden Schwund von 5 bis 6 Prozent der grauen Substanz fest.

Der Laie ist verblüfft, der Mediziner eher weniger, wie Freund sagt, der weiß, dass die Läufer bei extremem Belastungen mehr Energie verbrauchen als sie aufnehmen können. Extreme Belastungen? Die Rede ist von Ultramarathons wie dem Transeuropalauf, den die drei Ärzte medizinisch begleiteten. 4487 Kilometer legten die Läufer in 64 Etappen zurück, 70 Kilometer im Schnitt. "Das ist unheimlich energiezehrend", sagt Dr. Uwe Schütz, Orthopäde und Radiologe. Energie wird von allen Fettdepots im Körper abgezogen, selbst die Beinmuskulatur nimmt ab. Die 44 Läufer, die alle drei Tage im Magnetresonanztomographen (MRT) lagen, wurden dünn und dünner.

Ab 2000 Kilometer beginnt das Gehirn zu schrumpfen, "aber nur bestimmte Regionen, dort, wo komplexe Bewegungsanalysen verortet sind", sagt Freund. Oder im Sprachenzentrum, fügt Schütz an, "Gehirnareale also, die während des monotonen Laufens nicht gebraucht werden. Energie wird auch dort abgezogen." Ob sich die Gehirnleistung selber verminderte, konnten die Mediziner über zusätzliche Tests nicht untersuchen, leider, sagt Freund, "wir waren froh, dass sich die Läufer in den MRT legten. Die wollen nur essen und schlafen."

Die Ulmer Mediziner können allerdings Entwarnung geben, Schäden bleiben offenbar nicht zurück. Schütz: "Acht Monate nach dem Lauf hatten die Gehirne der Läufer ihr normales Volumen wieder erreicht."