Lärm Aktionsplan: Lärmschutz und Natur vereinbaren

Richtig gut sieht sie aus, die Lärmschutzwand, die die Menschen im südlichen Dichterviertel vor dem Lärm der B 10 abschirmt. Aber sie war auch richtig teuer: 950.000 Euro hat die transparente Wand gekostet, 148.500 Euro davon hat das Land bezahlt.
Richtig gut sieht sie aus, die Lärmschutzwand, die die Menschen im südlichen Dichterviertel vor dem Lärm der B 10 abschirmt. Aber sie war auch richtig teuer: 950.000 Euro hat die transparente Wand gekostet, 148.500 Euro davon hat das Land bezahlt. © Foto: Volkmar Könneke
Carolin Stüwe 02.12.2016

Insgesamt 900.000 Euro sollen nächstes Jahr in den Lärmschutz investiert werden, 250.000 Euro standen dieses Jahr zur Verfügung. Denn: 2011 war das Ulmer Lärmschutzprogramm mit einer Gesamt-Investitions- beziehungsweise Fördersumme in Höhe von 6,1 Millionen Euro beschlossen worden. Den Aktionsplan gibt es seit 2008, 2014 wurde er fortgeschrieben. Inzwischen hat die Stadt die ersten Ideen schon in die Tat umgesetzt:  nachts Tempo 30 auf manchen Hauptverkehrsstraßen sowie jede Menge Schallschutz-Fenster. Und: Nicht immer braucht es eine Schallschutzwand.

Asphalt Am Kurt-Schumacher-Ring – das ist der Abschnitt der Westtangente vom Kuhberg bis zur Blaubeurer Straße – soll nun doch keine Kunststoff-Lärmschutzwand auf den Wall aufgesetzt werden. „Dieser ist im Laufe der Jahre gut zugewachsen und diese Bäume und Büsche müssten komplett gerodet werden“, schilderte Chef-Stadtplaner Volker Jescheck Überlegungen seiner Experten. Deshalb hat der Umweltausschuss sofort dem Vorschlag der Stadtverwaltung zugestimmt, den Grüngürtel  stehen zu lassen und auf die Lärmschutzwand zu verzichten. Stattdessen soll im Frühjahr zwischen Einmündung Jörg-Syrlin-Straße und Egginger Weg auf einer Länge von rund 800 Metern der ohnehin sanierungsbedürftige Fahrbahnbelag durch einen lärmmindernden Asphalt ersetzt werden. „Das ist kein herkömmlicher Flüsterasphalt, bei dem die schalldämmenden Poren bald verstopfen, sondern ein etwa 15 Jahre haltender Splitt-Mastix-Asphalt“, sagte Ulrich Willmann, Abteilungsleiter Strategische Planung, auf Anfrage. Diese Schallminderung reiche weiter in die Siedlung hinein als bei einer Wand. 

Jescheck versprach: Wo Lärmschutzwände doch notwendig sind, wolle man „keine Banausenwände aufstellen, sondern was Hübsches aus Kunststoff“. Das könne aber wie im Dichterviertel teuer werden. Auch an der Thränstraße soll nächstes Jahr zur B 10 hin eine Schutzwand aufgestellt werden und in Wiblingen zwischen Johannes-Palm-Straße und Bundesstraße 30.

Lärmschutzfenster Das Programm, moderne Fenster einbauen zu lassen, werde von Hausbesitzern sehr gut angenommen und in den nächsten Jahren fortgesetzt, sagte Jescheck. Vorläufige Bilanz: Bis Ende September dieses Jahres wurden bereits 108 Anträge für 183 Wohnungen bewilligt gefördert oder eine Förderung zugesichert. Da insgesamt eine Million Euro allein für Lärmschutzfenster veranschlagt wurde, geht der Stadtplanungschef davon aus, dass auch 2017 und 2018 jeweils wieder 50.000 Euro „abgerufen werden können“.

Tempo 30 In der Innenstadt wurde die Beschränkung auf 30 Stundenkilometer nachts bisher auf der Zinglerstraße, auf der Karlstraße und auf der König-Wilhelm-Straße umgesetzt. Im Juni 2015 hatte das Regierungspräsidium Tübingen dann auch Tempo-30-Abschnitte etwa auf der Olga-, Wagner- und Söflinger Straße genehmigt. „Aber hier haben uns verschiedene Petitionen wieder zurückgeworfen“, klagte Jescheck. Für die Frauenstraße wurde bereits ein „verkehrsberuhigter Geschäftsbereich“ mit Tempo 30 angeordnet – ganztags. Dazu merkte in der Ausschusssitzung jedoch Stadträtin Birgit Schäfer-Oelmayer (Grüne) an: „Kein Autofahrer weiß das, die Anwohner der Frauenstraße leiden weiter unter dem Lärm“ (siehe Infokasten).

Meinungen zu Tempo 30 in der Frauenstraße

Stimmen Was geht ab auf der Frauenstraße trotz Tempo-30-Limit? Wir fragten Büro- und Geschäftsleute sowie Anwohner. „Ich hab’ den Eindruck, die Autos fahren langsamer aufgrund der baulichen Veränderungen“, sagt Petra Schmitz, Leiterin des Agendabüros im Haus Nummer 19. „Da ich nur zu den Ladenöffnungszeiten da bin, bin ich positiv überrascht.“ Ute Kroner, Mitarbeiterin bei Schlüssel Waack, meint, dass die Autofahrer gar nicht wissen, dass seit diesem Jahr auf der Frauenstraße höchstens 30 gefahren werden darf. „Man hört immer wieder welche, die rasen, auch Motorradfahrer.“ Dennis Gerstendorf vom neu eröffneten E-Zigarettenladen wundert sich: „Hier gilt 30? Die rasen doch wie die Bekloppten.“ Hilde Schmid wohnt seit fast 60 Jahren in der Frauenstraße. Klar sei der Verkehr mehr geworden. Aber lauter? Sie habe sich daran gewöhnt, „oder ich will es nicht mehr hören“. Das Schlafzimmer von Anwohnerin Natalie Filbert liegt zwar „nach hinten raus“, aber im Wohnzimmer höre man den Lärm nach wie vor. Joanna Ludewig von Luanna Design beobachtet durch ihre Schaufenster, „dass sich ab 16 Uhr der Feierabendverkehr staut, da müssen eh alle langsam fahren.“