Ins Schwitzen gekommen sind sie wohl alle – jene 40 freiwilligen Probanden aus Ulm und dem Umland, die von den Molekularen Psychosomatikern  der Uni-Klinik (siehe Infokasten) in Einzelgesprächen in die Mangel genommen worden waren. Nach kurzer Aufgabenstellung hatte ein jeder zehn Minuten Zeit, in einem fingierten Vorstellungsgespräch zu erklären, warum er für einen ganz bestimmten Job besonders gut geeignet ist. Sodann mussten knifflige Kopfrechenaufgaben gelöst werden. Alles vor laufender Kamera. Überdies waren zwei Interviewer zugegen.  Sie trugen Arztmäntel,  verkniffen sich das Lächeln wie auch jeden Anflug von Warmherzigkeit. Bei Fehlern hieß es: „Stopp! Sie müssen nochmal von vorne anfangen!“

Den Wissenschaftlern ging es nicht darum herauszufinden, ob die Probanden rechnen können. Und einstellen wollten sie sie schon gar nicht. Ziel des Experiments war vielmehr, die jeweilige Stressbelastung zu messen. Dafür wurden den Studienteilnehmern vor und nach dem Test Blut- und Speichelproben entnommen – speziell auf Entzündungsmarker und bestimmte Immunzellen hatten die Forscher es abgesehen. Vor den Tests unterschieden sich die Werte zwischen den einzelnen Probanden kaum, erzählt Prof. Stefan Reber. Danach erheblich. Bei der einen Hälfte sank die Entzündungskurve langsam wieder ab und pendelte sich nach etwa 120 Minuten aufs ursprüngliche Level ein, bei der anderen stieg sie während der zwei Stunden konstant weiter an, erläutert der Leiter der Sektion für Molekulare Psychosomatik an der Uni-Klinik Ulm.

Immunsystem reguliert sich

Ob man schnell wieder entstresste oder nicht, hing allein von der jeweiligen Sozialisation ab, nämlich ob man Städter oder Ländler war.  20 der Probanden stammten aus der Stadt, allesamt ohne Haustierkontakte während der ersten 15 Lebensjahre. Sie blieben deutlich länger gestresst. Bei den anderen 20 handelte es sich um Land-Bewohner: Menschen, die aus der Landwirtschaft kamen oder zumindest in ihren ersten
15 Lebensjahren regelmäßig Kontakt zu Kuh und Co. hatten.

Nicht, dass sich die Landbewohner ob der Prüfungssituation nicht ebenfalls aufgeregt hätten. Doch ihr Immunsystem konnte besser damit umgehen als das der  Städter. Es regulierte sich wieder. Reber verdeutlicht es am Beispiel von Interleukin-10, das in Stresssituationen ausgeschüttet wird und antientzündlich wirkt. „Bei den Städtern war die Abgabe dieser immunregularischen Substanz nach Stress deutlich verringert, bei den Ländlern nicht.“

Landleben ist gesund, heißt es. Nicht nur im Volksmund. Auch die Medizin weiß seit vielen Jahren,  dass Menschen vom Dorf seltener an Allergien, Asthma oder Depressionen erkranken. Dafür ist wohl die frische Luft, die Ruhe, vielleicht auch die intakte Dorfgemeinschaft verantwortlich, denkt man sich.

Das mag alles stimmen. Doch die Forscher um Reber vermuten, mithilfe ihrer Pilotstudie noch eine andere Antwort gefunden zu haben: Ländler mit Nutztierkontakt bewältigen Stresssituationen immunologisch vor allem deshalb besser, weil sie Millionen kleiner Helferlein haben: Mikroben, in der Fachsprache „old friends“ genannt. „Damit sind Umweltbakterien gemeint, mit denen der Mensch seit Jahrtausenden friedlich zusammenlebt, und die es in der Stadt heute schwer haben“, erläutert Reber.

Dass der fehlende Kontakt zu bestimmten Bakterien dabei eine Schlüsselrolle spielt, wird in der Forschung schon seit ein paar Jahren vermutet. In einem früheren Experiment mit Mäusen konnte Reber  zeigen, dass sich die Stressresilienz der Tiere durch eine „Impfung“ mit altbekannten Umweltbakterien verbessern lässt. Warum sollte das nicht auch für Menschen gelten?

Je weniger Immunregulation, desto heftiger die Immunantwort. Für die menschliche Gesundheit seien genau diese überschießenden Immunantworten aber ein Problem, sagt Reber. „Sie führen oft zu chronischen Entzündungsreaktionen.“ Die wiederum die Entstehung von Krankheiten aller Art begünstigen (siehe Info). Vielleicht, so Reber, könne eine solche Impfung in Zukunft ja auch bei menschlichen Risikogruppen funktionieren. Was sollen Städter bis dahin tun? Die Antwort ist simpel: „Versuchen, möglichst vielen old friends zu begegnen“, sagt Reber. Das heißt:  viel Zeit in der Natur verbringen und Nahrung zu sich nehmen, die reich an gesunden Bakterien wie etwa Probiotika ist. In nächsten Studien wollen die Ulmer Forscher herausfinden, ob auch der Kontakt mit Haustieren stressprotektive Wirkung im Hinblick auf das Immunsystem hat.

Großes Echo

Die Studie hat für Aufsehen gesorgt, sagt Reber, der kurz nach der Veröffentlichung im Fachmagazin „Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America“ (PNAS) mit Interviewanfragen überhäuft wurde. Nicht nur etwa der „Spiegel“, sondern auch die britische „Times“ interessierten sich für das Ergebnis. Bleibt die Frage, ob Reber durch diesen Rummel gestresst ist. „Nein“, sagt er lachend. „Ich freue mich einfach, dass unsere Arbeit wertgeschätzt wird.“

Aspekt der Psychosomatischen Medizin


Teilgebiet Die Molekulare Psychosomatik ist ein Teilgebiet der Psychosomatischen Medizin. Sie beschäftigt sich mit den molekularen Mechanismen psychosomatischer Erkrankungen.

Stress Chronischer Stress gilt als Risikofaktor für zahlreiche Erkrankungen – das gilt für somatische Leiden wie Rheuma, Arthritis, Herz-Kreislauf-Krankheiten oder die chronische Darmerkrankung Colitis ulcerosa, aber auch für affektive Leiden wie Depressionen oder Angststörungen. Bekannt ist, dass bei all diesen Krankheiten entzündliche Prozesse eine Rolle spielen.

Zur Person Stefan Reber (39) ist seit 2013 Professor für Molekulare Psychosomatik  an der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie. Der gebürtige Oberpfälzer hat in Bayreuth Biologe und Chemie studiert, in Regensburg in Neurobiologie promoviert und habilitiert. Wie chronischer Stress auf das Immunsystem einwirkt, ist sein Forschungsschwerpunkt.