Die Universität Ulm und die Kunst: Im vergangenen Jahr wurde der Kunstpfad mit Skulpturen auf dem Universitätsgelände 20 Jahre alt. Gefeiert wurde dies unter anderem mit einem Fluxus-Konzert, dessen Hauptdarsteller Bohrhammer, Traktoren, Fahrräder und brechende Steine waren. Und an diesem Abend wurde auch eine Kunstaktion geboren: "Bei einer Flasche Bier hatten wir die Idee, den Botanischen Garten mit Skulpturen zu bespielen", sagt Frank Raendchen, der Atelier-Leiter des Musischen Zentrums der Uni.

Und wer Raendchen kennt, weiß: Er ist ein Macher. Raendchen stellte die Idee seinen Studenten im Atelier vor, fragte beim Botanischen Garten nach, klopfte bei Sponsoren an. Und am Sonntag, exakt ein Jahr nach dem denkwürdigen "Trecker-Konzert", wird jetzt der 1. Skulpturensommer eröffnet.

"Ich wollte die Ausstellung ganz bewusst für Studenten, Lehrende aller Studienrichtungen und für Künstler offenhalten", erklärt Raendchen, der als Atelier-Leiter den Naturwissenschaftlern ein musischen Gegengewicht verschafft.

120 Bewerbungen gab es. Eine sechsköpfige Jury, zu der neben Raendchen und der Neu-Ulmer Museumsdirektorin Helga Gutbrod unter anderem auch Monika Gschneidner, die Kustodin des Botanischen Gartens, und Gartenmeister Peter Zindl gehörten, wählte 27 Arbeiten aus, die in den vergangenen drei Wochen an ihren Standorten aufgebaut wurden. Das Problem: Die Skulpturen müssen verkehrssicher sein, gleichzeitig dürfen sie aber nicht auf schweren Betonfundamenten stehen. Denn in drei Monaten sollen die Skulpturen wieder abgebaut werden. Die Lösung, die Zindl und Raendchen fanden: tiefreichende, aber rückbaubare Stahlfundamente.

Der studentische Anteil an der Ausstellung ist groß - nicht nur aus Ulm. Der Grund: Die Ulmer Studenten schlossen sich mit dem Musischen Zentrum der Universität Bochum - Ulm und Bochum sind die einzigen Unis mit einer solchen Einrichtung - kurz. Und von dort kamen auch bemerkenswerte Arbeiten, etwa Alexandra Czechs "Vierecke". Die Bochumerin hat an einem Tulpenbaum einen Gutteil der Blätter zu Quadraten geschnitten. "Diese Arbeit hat schon im Vorfeld für Aufregung gesorgt", berichtet Gartenmeister Zindl, den besorgte Besucher auf diese Anormalität aufmerksam gemacht hatten.

Auch gerade die studentischen Arbeiten haben viel Witz und Charme. So haben die Ulmerinnen Jelena Gerke und Tanja Andabak in ihrer Arbeit "Mann im Ohr" das Innenohr nachgebaut, und Nol Hennissen aus Bochum hat aus Stahlbetonmatten ein "Möbiusband" in die Landschaft gelegt, eine Hommage an Max Bill, die wiederum mit der benachbarten Plastik des Blaubeurers Dieter Gassebner wunderbar harmoniert.

Überhaupt hat die Jury großen Wert darauf gelegt, Arbeiten auszuwählen, die auch mit dem Ausstellungsort korrespondieren. Etwa "Ficus elasticae ZAG" des Reutlingers Bertl Zagst. Der hängt geschnürte Schläuche von Lastwagenreifen als skurrile Gummifrüchte in einem Baum. Oder Raendchens Lieblingsexponat: Der Pilsener Benedikt Tolar hat aus einem Altpapier-Container eine Mini-Ferienwohnung samt Sonnenschirm, Markise, Fenster und Tür gebastelt und in den Wald gestellt.

Der Ausstellungsort hat aber auch manche Künstler zu neuen Materialien geführt - etwa den Neu-Ulmer Steinbildhauer Wolfgang Endrass. Statt in Stein hat er seine Ideen im Rasen als Land-Art ausgeführt. Und der Neuenkirchener Hawoli hat mit dem gespielt, was viele Gärten umgibt: In seiner Arbeit "ad interim" verschwindet ein Jägerzaun im Boden.

Es gibt also in den nächsten Monaten jede Menge zu sehen auf dem rund drei Kilometer langen Rundweg durch den Botanischen Garten - und im Tropengewächshaus auch zu hören. Dort haben die Emu-Experimentalmusiker des Musischen Zentrums in fünf künstlichen Blüten eine Klanginstallation verpackt.

Wird der Skulpturensommer gut angenommen, denken Raendchen und seine Mitstreiter auch schon an eine Fortsetzung. "Uns schwebt eine Biennale vor."