Zum Interview trifft FRIZZ Margitta („Sag doch Maggie!“) in ihrem Atelier in Andelfingen hinter Riedlingen. Das Dorf mit rund 1.200 Einwohnern wirkt verschlafen, ländliche Idylle. Direkt an der Durchgangsstraße liegt die „Kreativ Oase“. Im Erdgeschoss ein großer, heller Raum mit zwei langen Tischen. An den Wänden stehen meterlange Regale mit Kunstbüchern, Pinseln, Farben, Pigmenten und Spachteln. Von einer kleinen Küchenzeile weht Kaffeeduft herüber. Und überall steht, liegt und hängt Kunst – Bilder in allen Größen, sogar ein paar bemalte Kacheln liegen herum.
FRIZZ: Wow, du bist aber fleißig
Maggie: (lacht) Keine Sorge, die Bilder sind nicht alle von mir. Ich teile mir das Atelier mit zwei anderen Künstlern. Das ist ganz praktisch, jeder von uns kann kommen, wann er will. Manchmal trifft man sich und tauscht sich aus.
FRIZZ: Gerade momentan ist das ja echt praktisch. Kunstkurse gibt es im Moment quasi nicht – da ist das Malen wahrscheinlich ein sehr einsames Geschäft.
Maggie: Ja, irgendwie schon. Ich meine, ich habe früher mehrere ArtNights die Woche gemacht, dazu Unterricht an der Jugendkunstschule, vhs-Kurse … aber momentan: nichts. Es gibt zwar Online-ArtNights, bei denen die Teilnehmer am PC gemeinsam malen, aber das ist natürlich nicht dasselbe. Man kann online halt nicht so auf die Teilnehmer eingehen. Und genau das ist es ja, was mir so viel Spaß macht. Ich möchte die Teilnehmer motivieren, an ihre Kreativität zu glauben, auch wenn die vielleicht noch etwas „verschüttet“ ist.
FRIZZ: Wann gibt es denn wieder „richtige“ ArtNights?
Maggie: Das ist momentan noch nicht abzusehen. 15-20 Personen in einem Lokal sind schon schwierig. Und im Freien können wir die ArtNights nicht machen – dafür sind wir einfach zu wetteranfällig. Tja, in Ulm ist es sowieso ziemlich schwierig …
FRIZZ: Wieso?
Maggie: In Ulm ist es wahnsinnig schwer, Gastronomen zu finden. Das Konzept der ArtNight ist ja: Wir bringen die Kunden in die Lokale und machen Werbung für die. Dafür dürfen wir die Räume benutzen. Miete zahlen wir nicht – das wollen viele aber. Und wir Künstler müssen die Lokale selber suchen, das macht nicht der Veranstalter ArtNight für uns. Am liebsten sind uns Lokale, die einen extra Raum haben, der in der Woche vielleicht oft leer steht. Das wäre dann eine Win-win-Situation.
FRIZZ: Wo hast du schon gemalt?
Maggie: Ich war oft im Museumscafé,da es gleich einen Bezug zur Kunst hat. Dort hat es mir gut gefallen. Dann noch im Vapiano, Shakerato, Ratskeller, Parkcafé in Senden, Café Davina. Einige davon gibt es leider nicht mehr. Ja, und zum Schluss nur noch im Orange-Hotel ... da konnte man den Abstand einhalten. Ab September probiere ich das Café Jam aus. Aber generell ist es so, dass wir händeringend nach Gastronomen suchen. Falls jemand eurer Leser da Connections hat, soll er sich gerne mal melden.
FRIZZ: Wie ist das denn so bei einer ArtNight für dich als Künstlerin?
Maggie: Das Verrückte ist, dass jedes Mal Teilnehmer dabei sind, die reinkommen und erstmal sagen: „Also nur damit du es weißt, ich kann ü-ber-haupt nicht malen“. (lacht) Dabei kann das gar nicht sein: Jeder Mensch kann malen! Das finde ich immer so schön, wenn Teilnehmer dann am Schluss rausgehen und man ihnen ansieht: Da sind die jetzt richtig stolz drauf.
FRIZZ: Wer kommt denn so zu einer ArtNight?
Maggie: Das ist ganz unterschiedlich, kommt auch aufs Motiv an. Wobei ich sagen würde, dass 80 Prozent weiblich sind. Eigentlich eine gute Chance für Single-Männer! (lacht) Also bei Motiven wie der „Tänzerin“ sind es eher jüngere Frauen oder Mädels, die kommen. Beim „Buddha“ haben wir viele, die sich für Yoga interessieren. Und bei den Banksy-Motiven ist es bunt gemischt, da sind auch die meisten Männer mit an Bord.
FRIZZ: Was ist Kunst für dich?
Maggie: Boah, schwere Frage! (denkt nach) Für mich persönlich ist Kunst Lebensfreude. Wenn ich meine Kreativität entdecken kann – egal, ob es beim Anschauen eines Gemäldes und dem Nachdenken darüber ist oder ob ich meine eigene Kreativität in Gang setze. Ich kann mich dabei selbst ausdrücken, meine Stimmung. Es gibt auch bei mir Tage, da kann ich nicht malen. Da ist der Kopf so voll, dass da nix geht. An manchen Tagen tut es mir gut, mich erst mal wild auszumalen. Kann sein, dass das Bild dann nur aus Schwarz und Rot besteht. Danach geht‘s dann besser ...
FRIZZ: Kannst du von deiner Kunst leben?
Maggie: Momentan nicht. Vor Corona konnte ich gut davon leben, überwiegend durch Kurse. Manchmal hatte ich fünf ArtNights pro Woche, dann noch vhs-Kurse. Ausstellungen gehen ja gerade auch nicht, da habe ich teilweise auch Bilder verkauft. Nun arbeite ich 18 Stunden die Woche in einem Büro. Da hat sich vielleicht der Wunsch meiner Eltern nach einer soliden kaufmännischen Ausbildung bezahlt gemacht – Mutti, du hast doch recht gehabt mit „Mach was Gscheits!“ (lacht) Nein, im Ernst: Ich bin mehr die Dozentin als die Künstlerin. Ich glaube, andere haben künstlerisch mehr drauf – wobei das ja auch immer im Auge des Betrachters liegt. Aber generell gefällt es mir, andere „ins Tun zu bringen“ – einfach diejenige zu sein, die den Anstoß gibt. Das kann ich kaum erwarten!
[FRIZZ]