Kultur-Gespräch Kultur-Gespräch mit Tim von Winning

Tim von Winnings Lieblingsort in Ulm: der Münsterplatz, da er ihn als identitätsstiftend empfindet.
Tim von Winnings Lieblingsort in Ulm: der Münsterplatz, da er ihn als identitätsstiftend empfindet. © Foto: Lars Schwerdtfeger
Ulm / Magdi Aboul-Kheir 31.07.2018

Seine Urgroßmutter war eine geborene Bechstein, und Tim von Winning, 1970 in München geboren, spielte als Jugendlicher ziemlich gut Klavier. Doch dann studierte er in Stuttgart Architektur und Stadtplanung. Von 2002 bis 2005 war er bereits in Ulm tätig, als Sachgebietsleiter für Projektsteuerung in der Bauverwaltung. Danach war er Leiter der Abteilungen für Stadtplanung in Erlangen und Tübingen. Seit 2015 ist der zweifache Vater zurück in Ulm: als Baubürgermeister.

Herr von Winning, haben Sie einen kulturellen Lieblingsort in Ulm?

Tim von Winning: Der Münsterplatz, weil er ein so unglaublich identitätsstiftender Ort für Ulm ist. Dort stehen nicht nur das Münster und das Stadthaus, in dem Kultur für alle geboten wird, es ist auch ein Ort, an dem enorm viel möglich ist,  vom Landesposaunentag über Basketball-Events und Wochenmarkt bis zum Open Air – eine ganz große Bandbreite. Es ist der außergewöhnlichste Platz in dieser Stadt: ein Herz- und Identitätsort für die ganze Bürgerschaft. Und er wird angenommen als ein Ort der lebendigen Interaktion.

Sie haben Architektur und Stadtplanung studiert, sind seit drei Jahren Baubürgermeister. Wie wichtig sind kulturelle Aspekte für Sie dabei?

Die Kultur des städtischen Raums und Zusammenlebens interessiert mich sehr. Schon im Studium ging es unter dem Stichwort Baukultur darum, wie Bauten auf Menschen wirken, wie Städte entstehen. Heute habe ich berufsbedingt damit zu tun, aber es ist auch eine Leidenschaft. Wenn wir in Urlaub fahren, geht das nicht, ohne ein paar Tage Stadt zu erleben. Diesen Sommer werden wir in der Nähe von Aix-en-Provence Urlaub machen, da schauen wir bestimmt Marseille an. Sonst fehlt mir etwas.

Wie sehen Sie Ulm als Kulturstadt?

Sehr bunt, in einem sehr positiven Sinn. Die Breite des Angebots ist für eine Stadt von dieser Größe außergewöhnlich. Das geht vom Auto-Tuning, mit dem wir viel Probleme haben – aber auch das ist ja eine Art von „Ich beschäftige mich mit einer Sache über den reinen Gebrauch hinaus“, was damit eine Form von Kultur ist – bis hin zum Theater Ulm mit seinem hohen Niveau, wobei vor allem der Tanz sehr gewonnen hat.  Auch „Ulm Moves!“ war eine begeisternde Woche.

Ist Kultur ein Standortfaktor?

Sie kann dazu dienen, sich zu positionieren:  Kultur erhöht die Wertigkeit und Bedeutung im Wettstreit mit anderen Städten, sie steigert die Lebensqualität für Menschen. Nicht unwichtig, gerade wenn man an den Wettkampf um Fachkräfte denkt.

Wie nehmen Sie Ulm aus baukultureller Perspektive wahr?

Man kann an vielen Projekten sehen, dass Ulm in der Baukultur einen Schwerpunkt setzt. Der Fokus der letzten Jahrzehnte lag auf der Innenstadt, dort ist viel Außergewöhnliches entstanden, beeindruckende Einzelobjekte. Trotzdem ist noch mehr möglich. Potenzial gibt es in der Stadtbaukultur: also wie Häuser entstehen, die nicht nur herausragende Unikate sind, sondern als Ensemble neue Stadtquartiere bilden. So könnte Ulm auch außerhalb der Innenstadt noch vorangebracht werden.

In Ulm ist oft vom Spagat zwischen Tradition und Moderne die Rede . . .

Ich habe zuvor acht Jahre in Tübingen verbracht, also in einer fast unzerstörten Stadt: historische Gebäude unter einer Käseglocke. Ulm ist das Gegenteil. Im Krieg ist in Ulm zusammen mit den Zerstörungen auch ein Teil der Stadtidentität verloren gegangen. In der Wiederaufbauzeit ist man, was Architektur und Bauqualität betrifft, unter den Möglichkeiten geblieben. Aber seit den 1980ern hat die Stadt immens viel geschafft. Besondere Leitbauten wie Stadthaus, Bibliothek, Neue Mitte sind das eine. Vor allem aber ist es beeindruckend, wie es Ulm gelungen ist, durch das Ausprägen eines eigenen innerstädtischen Gebäude-Typus‘ – des giebelständigen Hauses mit steilem Dach – ein Spezifikum von enormer Qualität zu prägen. Auch das kann Ulm Identität zurückgeben und bleibt eine Aufgabe für die nächsten Jahrzehnte.

Im öffentlichen Raum gibt es große Projekte, etwa am Bahnhof. Spielt „Kunst am Bau“ da noch eine Rolle?

„Kunst am Bau“ ist so ein bisschen aus einer anderen Zeit. Was Baukultur betrifft, müssen wir meines Erachtens über andere Themen reden:  über die Wechselwirkung zwischen innen und außen, über den Stadtraum. Ich mag dieses Bild im Kopf: Eine Fassade ist zwar die Außenwand eines Hauses, aber sie ist auch die Innenwand des öffentlichen Raums. Die Moderne hat Gebäude und ihre Fassaden als etwas gesehen, was die Nutzung von innen nach außen trägt und sie abbildet. Dabei sind viele Gebäude entstanden, die oft zwar hohe architektonische Qualität haben, die aber dem zweiten Aspekt – der Begrenzung eines öffentlichen Raums – nicht entsprechen oder sogar zuwiderlaufen.

Ein Beispiel?

Nehmen wir die Olgastraße. Dort stehen viele Häuser nebeneinander, die mit ihrer Fassade einzeln etwas repräsentieren, aber eigentlich nicht den Straßenraum als zusammenhängenden öffentlichen Raum  verstehen. Die neue Dreifachturnhalle am Kepler-/Humboldt-Gymnasium ist zwar ein innenräumlich extrem gelungener Bau, aber sie ist ein Solitär mit einer Fassade, die das Objekt in den Vordergrund stellt. Anders dagegen gelingt es meines Erachtens dem Neubau der Bürgerdienste besonders gut, dem Straßenraum ein Gesicht zu geben.

Hat nicht jede Epoche das Recht, sich im Stadtbild zu verwirklichen?

Ja, aber Stadt verändert sich. Was einmal modern ist, bleibt es nicht unbedingt. Es gibt Dinge aus einer anderen Zeit, die lohnen sich zu erhalten: Niemand würde das Einsteinhaus oder das Theater in Frage stellen. Bei anderen Gebäuden darf man aber durchaus sagen: Die Qualität ist nicht so groß, als dass man sie retten muss, dort könnte der Gewinn durch einen Neubau größer sein.

Was halten Sie von Skulpturen im öffentlichen Raum?

Skulpturen dürfen nicht Selbstzweck sein. Es gibt Skulpturen, die extrem gut mit dem Raum arbeiten. Etwa Keith Harings „Red Dog“ vor der Kunsthalle Weishaupt, der quasi Bestandteil des Platzes und seines Lebens ist, voller Selbstverständlichkeit dort steht. Aber es gibt auch Skulpturen, die stehen eher unmotiviert im städtischen Raum, weil Platz da war oder weil sich ein Künstler positionieren wollte.

Hätte Sie selbst jemals ein künstlerischer Beruf gereizt?

Während der Schulzeit hatte ich neben dem Zeichnen eine starke Affinität zu Musik, habe Klavier gespielt, später sogar im Musik-­Leistungskurs. Nach dem Abitur, ich habe unter anderem an Chopin-Etüden gearbeitet, gab es aber einen Wendepunkt:  Entweder man macht richtig intensiv weiter oder es bleibt ernüchternd auf einem gewissen Stand – bei mir war es das dann mit dem Klavierspielen. Ich habe mich nach der Schule für Architektur und Stadtplanung entschieden – ein durchaus künstlerischer Beruf.

Ist die Liebe zur Musik geblieben?

Ja, als breites Interesse: von sonntags Klassik bis abends aktuelle Sachen auf Spotify hören. Ich gehe gern auf Konzerte, mag Live-Musik, und da ist in Ulm ja einiges geboten, das Roxy, das Ulmer Zelt. Im Zelt war ich dieses Jahr drei Mal: bei High Voltage, Tim Vantol und Skinny Lister, ein super Konzert. Auch das Donaufest bietet Bands, die man sonst nicht zu hören bekommt.

Unsere Sommerserie

Auf der Kulturseite schreiben wir Tag für Tag über Schauspieler und Regisseure, Tänzer und Musiker, Schriftsteller und Kulturmacher aller Art. Aber Kultur spielt im Leben der meisten Menschen eine Rolle. Und daher führen wir in den kommenden Wochen Gespräche mit Menschen aus Politik, Wirtschaft, Sport und Bildung: über die Kultur in ihrem Leben.

Bücher, Musik, Filme für die einsame Insel

Lieblingsbücher würde Tim von Winning auf eine einsame Insel gar nicht mitnehmen: „Ich habe zu wenig Zeit, Bücher zweimal zu lesen.“ Zuletzt begeisterten ihn Ayelet Gundar-Goshens „Löwen wecken“  und Anthony Marras’ „Die niedrigen Himmel“.

Musikalisch ginge es für ihn nicht ohne ein Live-Album Frank Zappas, eine der „American Recordings“ von Johnny Cash und etwas von ­Leonard Cohen.

Und Filme? Zum 18. Geburtstag ihrer Tochter haben er und seine Frau vor zwei Jahren eine Liste mit 30 Filmen zusammengestellt, „die sie mal gucken muss“. Darauf standen unter anderem „Paris, Texas“, „2001 – Odyssee im Weltraum“, „Casablanca“, „Mystic River“, „Million Dollar Baby“ und „Brazil“.

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