Ulm Kultur-Berater Jean-Baptiste Joly über die Oratoriums-Pleite

Überrascht und auch enttäuscht: Jean-Baptiste Joly.
Überrascht und auch enttäuscht: Jean-Baptiste Joly. © Foto: V. Könneke
Ulm / MAGDI ABOUL-KHEIR 27.03.2015
Die Absage des "Ulmer Oratoriums" wirft allerlei Fragen auf. Auch an Professor Jean-Baptiste Joly: Er hatte Komponist Elia nach Ulm gebracht.

Marios Joannou Elia, der Komponist des abgesagten "Ulmer Oratoriums", ist Ihr Schützling. Sind Sie überrascht oder enttäuscht über die Entwicklung?

JEAN-BAPTISTE JOLY: Zu allererst überrascht. Und selbstverständlich auch enttäuscht, dass ein so vielversprechendes Werk nicht aufgeführt wird.

Sie sind Direktor der Akademie Schloss Solitude, Elia war dort Stipendiat, gehört zum Netzwerk. Sie haben ihn auch andernorts ins Spiel gebracht und hätten ihn nicht nach Ulm vermittelt, wenn Sie ihm das Projekt nicht zugetraut hätten. . .

JOLY: Richtig. Besonders nach der Erfahrung mit ihm beim Mannheimer Großprojekt "Autosymphonic", das technisch sogar komplexer war. Das war dort alles noch schwieriger, daher dachte ich, wenn ich einen kenne, der das in Ulm stemmen kann, dann ist das Elia.

Und was ist nun in Ulm anders gelaufen als damals in Mannheim?

JOLY: Letztlich war es eine Frage der Zeit. Weil es so viele unterschiedliche Beteiligte waren: ein Komponist, der auch noch andere Aufträge hat, ein Münsterkantor, verschiedene Dirigenten. . .

Elia hat von Anfang an über den knappen Zeitplan geklagt. Und dass er als künstlerischer Leiter der Europäischen Kulturhauptstadt Paphos 2017 zudem eingespannt ist, war auch nicht unbekannt.

JOLY: Es ist immer schwierig, wenn bei einem großen Projekt wie dem "Ulmer Oratorium" so unterschiedliche Akteure und Ensembles mit jeweils eigenen Zeitabläufen zusammenarbeiten. Die Absage war weniger eine Frage einer zu spät gelieferten Komposition. Die Komplexität der Veranstaltung und die unterschiedlichen Verpflichtungen der Beteiligten haben das Projekt letztlich zum Stoppen gebracht.

Der "Ulmer Weitblick" soll die Stadt überregional in die Schlagzeilen bringen - aber gewiss nicht auf diese Weise. Wie sieht für Sie die Zwischenbilanz aus?

JOLY: Die Ulmer sind als Stadtbürger selbstbewusster als viele andere. Es ist das Einmalige an diesem Vorhaben, dass der Münsterturm ein ganzes Jahr lang gefeiert wird. Und man muss das Jahr dann auch als Ganzes betrachten. Joachim Fleischers "Münster Scanning" ist ein Langzeitprojekt, bei dem es am Ende des Jahres heißen wird: Kann das nicht bleiben? Rafael Lozano-Hemmers "Solar Equytion", die Sonnen-Installation im Münster, wird bestimmt sehenswert. Die Piktogramme, die für Doris Grafs "Ich, Ulm" entstehen, sind toll. Und mit dem Ersatzkonzert wird Ulm sich selbst zelebrieren. Bei all der Kritik wegen des Oratoriums darf man übrigens eins nicht vergessen: Die städtische Kulturabteilung ist nicht der Veranstalter.

Wer dann?

JOLY: Die Ulmer selbst.

Info Der Kulturmanager Jean-Baptiste Joly, 1951 in Paris geboren, lebt und arbeitet seit 1983 in Stuttgart. Er ist Gründungsdirektor und künstlerischer Leiter der Akademie Schloss Solitude und gehört zum Kuratorium, das den "Ulmer Weitblick" beratend begleitet.

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