Sie bringen Weihrauch, Myrrhe und Gold fürs neu geborene Christkind - und gehören traditionell zu jeder Krippe: die drei heiligen Könige oder Weisen aus dem Morgenland. Auch in der Krippe im Ulmer Münster sind sie zu finden, angetan mit prächtigen Gewändern und ihren wertvollen Gaben. Melchior, der Mohr, sieht wahrlich aus wie ein afrikanischer Stammeshäuptling: Barfüßig zwar, aber lange bunte Federn schmücken seinen Kopfputz, dicke goldene Ringe baumeln an seinen Ohren und um seinen Hals. In seiner rechten Hand, die er zum Kind in der Krippe steckt, hält er - eine Brezel.

Wie aber kommt der Mohr zur Brezel? "Dafür gibt es zwei Versionen", sagt Horst Sprandel, seines Zeichens Münsterführer. Die erste "märchenhafte" Variante lautet: Die drei Weisen kamen, während sie dem Stern folgten, in Ulm vorbei. Als sie die Stadt durchquerten, entströmte der Bäckerei Wannenwetsch ein betörender Duft: Dort wurden gerade Brezeln gebacken. Melchior kaufte drei frische Brezeln, um sie dem Kind mitzubringen. Aber der Geruch war so köstlich, dass die Reisenden nicht widerstehen konnten und die Mitbringsel selbst verzehrten. Als sie dann vor der Krippe standen, ärgerte sich Melchior darüber so sehr, dass er schwarz wurde. Er ging zurück und kaufte nochmal eine Brezel, um sie dem Christkind zu geben.

Soweit die Legende. Die andere, glaubhaftere Version ist laut Sprandel eng mit der Entstehungsgeschichte der Krippenfiguren verwoben. Das Ulmer Ehepaar Julius und Emilie Mößner - die das gleichnamige Garnhaus betrieben, das es heute noch gibt - hatten in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts bei Martin Scheible (siehe Info-Kasten) eine Krippe in Auftrag gegeben. Julius Mößner war kunstinteressiert, sammelte Werke von Ulmer Künstlern und trat auch als Mäzen auf. Darüber hinaus war er Scheible freundschaftlich verbunden, so dass dieser im Lauf mehrerer Jahre 26 Figuren aus Lindenholz für die Krippe schnitzte.

"Eines Tages besuchte die Familie Mößner Scheible, der gerade an der Arbeit war, und hatte auf dem Weg frische Brezeln besorgt", gibt Sprandel wieder, was sich so zugetragen haben könnte. "Im Atelier sahen sich die Besucher um und verzehrten dabei das Laugengebäck. Zwei Könige hatte Scheible schon fertig; Melchior aber nicht, ihm fehlte noch das passende Geschenk. Bei seinem Anblick sagte eins der Kinder zu dem stummen Mohren: Gell, du magst auch eine Brezel? Diese Idee hat Scheible aufgenommen, weil sie ihm gefallen hat."

Ob es tatsächlich so war, weiß Gerhard Lorenz nicht. Aber der frühere Münsterbaumeister, Jahrgang 1933, kennt die Krippe von Kindertagen an: Julius Mößner war sein Taufpate. Daher war der Junge jedes Jahr an Weihnachten im Haus am Münsterplatz, wo die Krippe im Wohnzimmer aufgebaut war.

In der verheerenden Bombennacht vom 17. Dezember 1944 wurde das Mößnersche Haus zerstört. Lorenz half mit beim Aufräumen und war dabei, als im Schutt des Kellers die große Holzkiste mit den Krippenfiguren gefunden wurde. "Wir haben uns alle sehr gefreut, die Krippe zu retten."

Nach dem Tod von Emilie Mößner im Jahr 1972 teilte die Familie die Krippe auf, weil niemand Platz für alle Figuren hatte. 1992 konnte Lorenz die Familie überzeugen, die Krippe dem Münster zu vermachen, damit sie wieder als Gesamtkunstwerk zu sehen ist. Seither stellt die Münsterbauhütte die Figuren jedes Jahr zum ersten Advent am Kreuzaltar auf, und die Familie kommt dort zusammen.

"Jetzt dient die Krippe der Freude vieler Leute", findet Gerhard Lorenz. Für ihn ist die goldene Brezel, die Melchior in der Hand hält, "eine Seltenheit der Christenheit". Er schätzt die lebendig gestalteten Figuren Scheibles und rät zu eingehender Betrachtung: "Wer genau hinschaut, kann viele Details in der Krippe entdecken."

Der Künstler Martin Scheible