Multiple Sklerose Krankheit mit vielen Gesichtern

Dr. Makbule Senel leitet die MS-Sprechstunde am RKU.
Dr. Makbule Senel leitet die MS-Sprechstunde am RKU. © Foto: Privat
ruk 10.07.2018

Als Janine S. eines Morgens aufwacht, sieht sie auf dem linken Auge nur mehr verschwommen. Rote Farben nimmt die Mittzwanzigerin gar nicht mehr wahr, der Bereich hinter dem Auge schmerzt. Ihr erster Weg führt sie zum Augenarzt, der die junge Frau aber nach der Untersuchung – er kann weder einen erhöhten Augendruck noch eine Netzhautablösung oder eine andere Erkrankung des Auges feststellen – an einen Neurologen weiterverweist. „Das Problem liegt hinter dem Auge, und dafür ist die Neurologie zuständig“, sagt Dr. Makbule Senel.

Die 33-Jährige kennt die geschilderten Symptome, sie ist Fachärztin für Neurologie und seit Anfang des Jahres Oberärztin der Spezialsprechstunde für Multiple Sklerose, die auch als „Krankheit mit den vielen Gesichtern“ bezeichnet wird. Was mit den Symptomen zusammenhängt, die vielfältiger fast nicht sein können. Empfindungsstörungen können auftreten, es kommt zu Lähmungen und Kraftlosigkeit, enormer Müdigkeit, Koordinations- und Gleichgewichtsstörungen und zu Störungen bei der Blasen- und Darmentleerung.

Der Augenarzt mag bereits einen gewissen Verdacht gehegt haben; um aber wirklich abzuklären, ob die Diagnose Multiple Sklerose (MS) zutrifft, schickt der Neurologe die Patientin in den Kernspintomographen. Dabei zeigt sich, dass Janine S. eine Entzündung des Sehnervs hat. Die bildliche Darstellung des Kopfes weist ferner daraufhin, dass bereits in der Vergangenheit entzündliche Vorgänge im Bereich des Gehirns aufgetreten sind, „nur verursachten sie keine Beschwerden“, erklärt Senel. Die anschließende Nervenwasseruntersuchung bestätigt schließlich das Bild aus dem Kernspin: Janine S. leidet an Multipler Sklerose, sie hat den ersten Schub dieser Krankheit erlitten.

Die chronisch-entzündliche Erkrankung betrifft vor allem junge Erwachsene im Alter zwischen 20 und 30 Jahren, sagt Senel. Nach Angaben der Krankenkassen leiden in Deutschland mindestens 200 000 bis 220 000 Menschen an MS, rund zwei Drittel davon sind Frauen. Die Ursachen? Sie sind nicht ganz eindeutig. Bei MS handelt es sich um eine Autoimmunerkrankung, so viel ist klar; Wissenschaftler gehen davon aus, dass das Immunsystem die Hüllschicht der Nervenfasern angreift. Aber es gibt mehrere Faktoren, die die Entstehung von MS begünstigen: genetische beispielsweise, sagt Senel. „Aber es ist bislang kein Gen identifiziert, das allein MS auslöst.“ MS ist also keine Erbkrankheit im klassischen Sinn. Gerade für junge Frauen, die Kinder haben wollen, ein wichtiger Aspekt.

Ernährungsfaktoren können möglicherweise ebenfalls die Entstehung von MS beeinflussen. Neue Erkenntnisse aus der Zwillingsforschung deuten daraufhin, dass die Darmflora dabei eine Rolle spielen kann, ob ein Mensch an MS erkrankt. Und welchen Einfluss haben Umweltbedingungen? Aus der geographischen Verteilung, so Senel, lasse sich schließen, dass das Risiko, an MS zu erkranken, auch mit der Klimazone zusammenhängt. Mittel- und Nordeuropäer sowie Nordamerikaner sind eher betroffen, Südeuropäer und Südamerikaner eher weniger. Wobei die Migrationsforscher Interessantes festgestellt haben: Emigriert ein Erwachsener aus einem südlichen Land in ein nördliches Land, behält er das Erkrankungsrisiko des Herkunftslandes; emigriert ein Kind, nimmt es das Erkrankungsrisiko des nördlichen Landes an.

MS – am Ende steht der Rollstuhl? Nein, sagt Dr. Senel, die Erkrankung sei zwar nicht heilbar, aber in der Therapie habe sich in den vergangenen Jahren viel getan. „MS ist mittlerweile gut behandelbar. Patientinnen wie Janine S. können ein ganz normales Leben führen. Vielen sieht man es im Alltag nicht an, dass sie MS haben.“ Nach der Diagnose werde eine medikamentöse Therapie angesetzt mit dem Ziel, dass die Patienten mehrere Jahre schubfrei sind und das Fortschreiten der Krankheit verlangsamt wird. Rund 80 Prozent der Patienten leiden zu Beginn an einem solchen schubförmigen Verlauf, das heißt: Die auftretenden Symptome bilden sich unter Therapie meist zurück. Bei etwa der Hälfte dieser Patienten kann der schubförmige Verlauf nach vielen Jahren in einen chronisch fortschreitenden Verlauf übergehen. Ein geringer Teil der Patienten zeigt bereits von Anfang an eine chronisch fortschreitende Form. „Welche Präparate wir einsetzen, hängt von der MS-Form ab und wie aktiv die Erkrankung ist“, sagt die Spezialistin. Um anzufügen: „Wir haben die Erkrankung mittlerweile in den meisten Fällen relativ gut im Griff.“

Vorträge für Patienten und Angehörige

Infotag Das Team der MS-Sprechstunde an den RKU-Kliniken am Oberen Eselsberg veranstaltet am Samstag, 14. Juli, von 10 bis 13 Uhr einen Infotag für Betroffene und Angehörige. Auf dem Programm stehen klinisch und wissenschaftlich interessante Themen, die den aktuellen Stand und die Perspektiven bei den Verlaufsformen der MS, sozialrechtliche Aspekte, etablierte und zukünftige Therapieoptionen aufzeigen. Den Referenten können Fragen gestellt werden.

Das Programm
im Einzelnen:
10.05-10.35 Uhr: Wie wird MS festgestellt und wie ist der Verlauf? Dr. Makbule Senel
10.35-11 Uhr: Fatique, Kognition und Stimmung bei MS, Daniela Taranu
11-11.30 Uhr: Spezielle symptomatische
Therapie bei MS, Prof. Thomas Henze
11.30-12 Uhr: Pause

12-12.30 Uhr: Welche Rolle spielt dieDarmflora bei der MS? Dr. Tanja Fangerau
12.30-13 Uhr: Chronisch progrediente Verlaufsformen: Wer profitiert von den neuen Therapien? Prof. Hayrettin Tumani

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