Lyrik Korrekturen nach mehr als 200 Jahren

Ulm / Henning Petershagen 19.11.2016

Johann Martin Miller (1750–1814) war einer der wenigen Ulmer Autoren von nationalem Rang, dessen Texte sogar von Mozart und Beethoven vertont wurden. Er hat seine Gedichte 1783 in Buchform gebracht. Sein eigenes „Handexemplar“, eine äußerst wertvolle Rarität mit wichtigen Informationen, befindet sich seit Dienstag in der Stadtbibliothek Ulm, als Dauerleihgabe der Ulmer Museumsgesellschaft.

Dass es dazu kam, war ein glücklicher Zufall. Der Miller-Experte Michael Watzka, der 2014 ein Buch über Miller veröffentlicht und als Mitarbeiter der SÜDWEST PRESSE auch darin mehrfach über Miller geschrieben hat, erfuhr zufällig, dass in einem Berliner Antiquariat ein Miller-Gedichtband mit Notizen zum Kauf angeboten werde. Er fand heraus, dass diese Notizen vom Autor selbst stammten, und alarmierte die Ulmer Stadtbibliothek.

Deren stellvertretender Leiter Alexander Rosenstock ging auf Sponsorensuche, die schnell beendet war, da sich die Museumsgesellschaft rasch bereiterklärte, den Band zu erwerben. Schließlich war Miller Mitglied der Ulmer Lesegesellschaft, aus der später die Museumsgesellschaft hervorging.

Am Dienstag überreichte der Museumsgesellschafts-Vorsitzende Klaus Rinkel Rosenstock das Miller’sche Handexemplar. Er stellte dabei in Aussicht, dass sich die Gesellschaft auch an der Herausgabe einer Neuauflage von Millers Gedichten beteiligen könnte.

Watzka hat nämlich die zahlreichen handschriftlichen Eintragungen Millers untersucht und festgestellt, dass es sich dabei im Wesentlichen um Korrekturen handelt. Etwa ein Drittel seiner Gedichte hat Miller umgeschrieben und teilweise die Entstehungsdaten berichtigt. Offenbar hatte Miller eine verbesserte zweite Auflage im Sinn, die aber nie verwirklicht wurde. Anhand des nunmehr nach Ulm zurückgekehrten Handexemplars könnte nun, über 200 Jahre nach Millers Tod, diese verbesserte Auflage tatsächlich ins Werk gesetzt werden. Henning Petershagen

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