Kandidaten Kommentare der unterlegenen OB-Kandidaten

SWP 30.11.2015
Freud und Leid liegen meist nah beieinander. Am Sonntag Abend gab es im Ulmer Rathaus einen Gewinner und ansonsten nur Verlierer. Wir haben uns bei den unterlegenen Kandidaten umgehört. Mit Video.

Als Gunter Czisch vor die Anwesenden im vollbesetzten Foyer des Ulmer Rathauses trat, war Martin Rivoir einer seiner ersten Gratulanten. "Vom Gefühl her dachte ich, der Wahlkampf ist offen", gab der Landtagsabgeordnete und Stadtrat der SPD zu. Eine Erklärung dafür, dass es dann doch eindeutig bereits im ersten Wahlgang entschieden war, hatte er hinterher nicht. "So ist die Demokratie", sagte Rivoir, der auch in Zukunft für Ulm im Landtag arbeiten will. Warum es nicht gereicht hat, konnte er sich am Sonntag auch nicht erklären. "Ich würde alles wieder so machen", spielte er auf seinen Wahlkampf an, der im Vorfeld verschiedentlich als zu wenig kämpferisch bezeichnet worden war. Es sei eine Persönlichkeitswahl gewesen, Czisch und er seien zwei unterschiedliche Typen. Politische Auswirkungen auf die anstehende Landtagswahl sieht er nicht. "Das war hier keine Parteienwahl."

Als gegen 18.25 Uhr das Ergebnis der ersten ausgezählten Stimmbezirke auf die Leinwand projiziert wurde und Birgit Schäfer-Oelmayer ihre da noch 7,5 Prozent sah, wurde sie leichenblass - und die ohnehin angespannte Stimmung im Lager der Grünen sank auf den absoluten Nullpunkt. Die ersten Schulterklopfer für die Kandidatin konnten diese nur wenig trösten. "Zweistellig hätte mein Ergebnis schon sein sollen", rang sie am Ende, als sie bei 7,8 Prozent gelandet war, noch um Fassung. "Dabei habe ich die Themen gesetzt, mit der Kinderbetreuung, mit dem Wohnungsbau, mit der Energiewende oder der Sparkasse. Aber das ist nicht angekommen." Der Wahlkampf sei "komisch" gewesen. Es habe kaum kontroverse Diskussionen gegeben. Czischs Wahlerfolg sei auch ein Erfolg der Ulmer CDU gewesen. "Die Partei hat mobilisiert was ging, um die Macht im Rathaus zurück zu holen. Das muss man neidlos anerkennen."

Birgit Schäfer-Oelmayer ist fest von einer Stichwahl ausgegangen, "aber jetzt bin ich auch froh, dass es vorbei ist". Sie kündigte an, die Stadtverwaltung weiter zu kontrollieren. "Und ich hoffe, dass der neue OB mehr auf die Kommunikation mit allen setzt."

Anja Hirschel konnte gar nicht mehr aufhören zu strahlen. "Ich wollte einfach nur auf die Liste kommen", sagte sie. Fast fünf Prozent könnten sich sehen lassen. Gerade die Piratenpartei kann nach zuletzt enttäuschenden Wahlergebnissen mit 1850 Stimmen im Ulmer Stadtgebiet zufrieden sein. Hirschels inhaltlich geführter Wahlkampf wurde auch von der FDP honoriert. Der Ulmer Stadtverband hatte eine Wahlempfehlung für den Neuling im Ulmer Politikbetrieb abgegeben. "Auch wenn wir uns beim Thema TTIP wohl nie einigen werden, sind wir in vielen Punkten nah beieinander, zum Beispiel beim Datenschutz", erklärt Hirschel die Nähe zur FDP. Politisch aktiv will sie aber trotzdem bei den Piraten bleiben.

"Ich hab noch 0,1 dazu bekommen!" Für mehr Freude reichte es nach der Steigerung von 2,7 auf letztlich 2,8 Prozent nicht an diesem Wahlabend - und Ralf Milde kehrte den Pragmatiker raus: "Es ging nur um die Frage Rivoir oder Czisch, nicht um uns Widerständler. Die Bürger haben gesagt: Wir machen keine Spielchen." Unglücklich? "Nein, die Wahl ist so entschieden worden, dass ich ganz gut damit leben kann. Und ich kann mein Büro am Judenhof behalten." Die Wahlbeteiligung sei miserabel, das Problem erkannt: "Wir mobilisieren die Wähler nicht."

Mit ihren 1,0 Prozent kann auch Lisa Collins leben, "das ist das bester Wahlergebnis einer Partei-Kandidatin seit Kriegsende", sagt die 29-Jährige. Dass Czisch so deutlich gewonnen hat, überrascht sie doch, "aber bei der Materialschlacht, die er geliefert hat". Bei der nächsten OB-Wahl werde die Partei 200 000 Euro investieren und dann? Wieder mit ihr? "Mal sehen."

"Neue Ideen brauchen anscheinend noch Zeit, vor allem hier in Ulm." Sevda Caliskan konnte die Enttäuschung über lediglich 0,7 Prozent Stimmanteil nicht verbergen. "Die Zeit wird zeigen, was das Ergebnis Ulm bringt." Die Ulmer Kommunalpolitik will sie trotzdem weiterverfolgen, denn: "Nach der Wahl ist vor der Wahl."