Ulm Kommentar: Theater ist immer jetzt

Ulm / JÜRGEN KANOLD 16.09.2016
Vor 375 schon haben die Ulmer sich ein Theater gebaut. Darauf können sie stolz sein. Aber Theater ist immer jetzt, an jedem Abend muss das Publikum neu begeistert werden. <i>Ein Kommentar von Jürgen Kanold.</i>

Jetzt!“ Das ist natürlich ein treffliches Motto für diese Spielzeit, in dem das Ulmer Theater beziehungsweise das Theater Ulm ein historisches Jubiläum feiert: Vor 375 Jahren hat die Stadt sich ein Theater gebaut. Theater aber muss immer jetzt sein.

Es ist schön, sich stolz daran zu erinnern, dass der Jahrhundertdirigent Herbert von Karajan in Ulm seine Karriere als Kapellmeister begann oder Peter Zadek auf dem Nudelbrett der Wagnerschule Skandale inszenierte, dass die Schauspielerin Hannelore Hoger oder die Sopranistin Angela Denoke hier ihre Karriere starteten. Dem Zuschauer von heute hilft das freilich nichts. Theater ist eine sehr gegenwärtige Kunst – auch wenn Shakespeare gespielt oder Mozart gesungen wird. Nicht nur die Qualität der Akteure zählt in der aktuellen Aufführung, die Werke müssen auf ihre Gegenwartstauglichkeit überprüft, spannend neu für unsere Lebenswirklichkeit erzählt werden. Und auch ganz Neues muss auf die Bühne kommen: Uraufführungen. Das Theater ist kein Museum.

Das Theater Ulm unter Andreas von Studnitz schlägt sich gut mit seinem Ensemble und seinem Spielplan, die neue Saison hat eine ganze Menge zu bieten. Leicht ist es nicht, ein 830 Zuschauer fassendes Großes Haus zu füllen – weit größere Städte wie Freiburg und Heidelberg haben kleinere Auditorien. Das zeigt, dass die Ulmer immer ein theaterverrücktes Bürgervolk waren. Diese Leidenschaft aber muss immer wieder neu befeuert werden. Da hilft auch, dass regelmäßig ein neuer Intendant, eine neue Intendantin neue Ideen in die Stadt bringt. Da wünscht man den Ulmer Räten jetzt ein gutes Händchen für die Wahl des Nachfolgers von Andreas von Studnitz.

375 Jahre: Das relativiert natürlich jede Aufgeregtheit. Dieses Jubiläum zeigt zudem: Die Ulmer haben schon immer gerne gebaut. Auch für die Kultur. Der Bürger unterhält sich auch gern. Am besten auf hohem Niveau. Und bitte jetzt!

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