Neu-Ulm Körper und Geist

Kinder haben im Neu-Ulmer Museum ohnehin den Durchblick - auch in der neuen Ausstellung "Kopfüber Herzwärts". Foto: Oliver Schulz
Kinder haben im Neu-Ulmer Museum ohnehin den Durchblick - auch in der neuen Ausstellung "Kopfüber Herzwärts". Foto: Oliver Schulz
Neu-Ulm / MAGDI ABOUL-KHEIR 24.10.2013
Nach dem Thema Globalisierung geht es nun um den Menschen, seinen Körper, seine Identität: Im Kindermuseum des Edwin-Scharff-Museums heißt es für eineinhalb Jahre "Kopfüber Herzwärts".

Willst du wissen, wie der Popel in deine Nase kommt? Wie lange dauert es, bis Haare einen Zentimeter wachsen? Diese Fragen beantwortet die neue Ausstellung im Neu-Ulmer Kindermuseum. Aber auch: Welche Sorgen möchtest du loswerden? Warum kannst du dich nicht an deinen ersten Geburtstag erinnern? Was ist Lebensfreude?

"Kopfüber Herzwärts" heißt die Mitmachschau rund ums Thema Mensch im Edwin-Scharff-Museum. Während die meisten Ausstellungen dieser Art "den Menschen als funktionierende Maschine abbilden", macht "Kopfüber Herzwärts" deutlich: "Wir sind mehr als nur Körper. Wir sind auch Geist." Das betont Jörg Ehtreiber, Direktor des Grazer Kindermuseums FRida & freD, von dem die Neu-Ulmer die Ausstellung übernommen haben. Es gehe "um den verantwortungsvollen Umgang mit uns selbst". Die jungen Besucher sollen lernen, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen, und dabei erkennen, dass jeder Mensch einzigartig ist.

"In meinem Körper bin ich zu Haus" - der Untertitel der Schau verweist auf ihre Grundidee, ihre Metapher: der Körper als Haus. Zwölf Räume können die Kinder besuchen, "erlebbare Wohnräume", in denen sie spielerisch und anschaulich den menschlichen Körper erkunden und dabei ihr Ich entdecken können.

Zu Beginn erhält jeder eine "Ich fühl mich wohl"-Chipkarte, auf der dann Fotos, Erkenntnisse und Ergebnisse gespeichert werden - und los geht es auf Entdeckungsreise durch das Menschen-Haus.

Wie reichhaltig und verschränkt die Ausstellung konzipiert ist, zeigt sich etwa in der Küche. Dort geht es zunächst - mit Film, Hörbeiträgen, Bildern, knappen Texten und Spielen - um Ernährung, Lebensmittel, Nahrungspyramiden. Das soziale Element ist aber ebenso wichtig: Essen als Begegnung am Tisch, als kommunikatives Erlebnis. Hübsch illustrierte Redensarten erweitern das Thema noch: Was muss man im Leben alles schlucken? Wann muss man in einen sauren Apfel beißen? Wann bleibt einem die Spucke weg? Und natürlich geht es in dieser Küche um den Weg der Nahrung durch den Körper, sie steht also metaphorisch für die erste Station des Verdauungsapparats, wo Nahrung aufgespalten wird: Ganz konkret wird ein Apfel zerhackt. Ein Krabbeltunnel - der den Darm darstellt - führt schließlich in den Heizungsraum, wo sich alles um Energie und Wärme dreht. Und wo endet dieser Kanal? Im Bad: Ausscheidung lautet dort das Thema, aber ebenso Reinigung in einem umfassenden, auch seelischen Sinne.

Unterm Dach im Arbeitszimmer - im Oberstübchen quasi - geht es ums rationale Bewusstsein, ums Denken, Lernen und um die Sinne, im Fitnessraum um Schnelligkeit, Rhythmus, Ausdauer und Gleichgewicht, im Wohnzimmer ums Wohlfühlen. Und für was steht wohl der Balkon? Für die Lunge, fürs Luftholen. Radeln und Raten, Knobeln und Klettern, Toben und Tüfteln: Die Räume bieten kognitive, motorische und sinnliche Anreize.

An Ende erhält man ein Passwort, damit lässt sich von Zuhause die elektronische Auswertung der Chipkarte abrufen und ein individuelles "Ich fühl mich wohl"-Album herunterladen und ausdrucken.

Zuletzt hatte das Kindermuseum das Thema Globalisierung behandelt. Nun geht es "aus der weiten Welt zum eigenen Ich, in den eigenen Körper", sagt Museumsleiterin Helga Gutbrod. Um das Potenzial dieses populären Themas auszuschöpfen wird "Kopfüber Herzwärts" bis Frühjahr 2015 laufen.

Neu-Ulm ist nach Graz, Dresden, Bremen, Dortmund sowie - kein Witz - Trinidad und Tobago die sechste Station der Ausstellung, gut 300 000 kleine und große Besucher haben sie schon gesehen. Ihre Entwicklungskosten mit all der eingebundenen medizinischen, biologischen und sozialwissenschaftlichen Kompetenz haben einst rund eine Million Euro betragen, berichtet Jörg Ehtreiber. Einen entsprechend wertigen Eindruck macht die Ausstellung, die von Birgit Höppl in die Neu-Ulmer Räumlichkeiten eingepasst wurde.

"Kopfüber Herzwärts" ist ambitioniert, vielfältig, anregend - also umfassend menschlich.

Bis zum Frühjahr 2015