Ulm Knarzende Nacht, heilige Nacht: Vor 50 Jahren kam die erste Schallplatte der Ulmer Spatzen heraus

Ulm / MAGDI ABOUL-KHEIR 13.12.2013
Die Ulmer Spatzen haben eine neue CD herausgebracht: mit Weihnachtsliedern. Und das genau 50 Jahre, nachdem die erste Schallplatte des Kinder- und Jugendchors erschienen ist: mit Weihnachtsliedern.

Wer ein Album mit Weihnachtsliedern aufnimmt, tut dies oft im Schweiße seine Angesichts - im Sommer. Das war vor einem halben Jahrhundert so, als die Ulmer Spatzen ihre erste Platte einsangen, und das war auch jetzt wieder so, als die Spatzen eine neue CD produzierten. Damit enden die Gemeinsamkeiten zwischen der Vinylscheibe "Die Ulmer Spatzen singen Stille Nacht" und dem Silberling "Noël Nouvelet" aber schon.

"Das war eher kein Vergnügen", erinnert sich Rita Galle. 1963 war sie 13, insgesamt sang sie 16 Jahre lang im Spatzenchor mit. "Wir nahmen die Platte in der Aula der Waldorfschule auf. Es war heiß, und vor allem hat der Holzfußboden furchtbar geknarrt." Eigentlich sollten die 55 Mädchen und zehn Buben die Lieder jeweils komplett durchsingen, natürlich fehlerfrei, "aber wenn einer sein Gewicht von einem Fuß auf den anderen verlagert hat, hat es so geknarzt, dass wir abbrechen mussten". Von Rundfunkaufnahmen - in Stuttgart, BadenBaden, aber ebenso bei der BBC in England - waren die Spatzen auch damals schon anderes gewöhnt.

Chorleiter Benno Kaiser sorgte für die nötige Konzentration. "Wenn er ,Ruhe gesagt hat, war auch Ruhe", sagt Rita Galles Schwester Jutta Ströbele. Sie war 15 und den Spatzen später noch Jahrzehnte verbunden. "Es waren andere Zeiten. Da kamen keine Mütter oder Betreuer, um was zu trinken zu bringen." Dennoch schafften es die Spatzen, die Aufnahmen für die Platte - eine Single mit je zwei Liedern a cappella pro Seite - an einem Tag über die knarzende Bühne zu bringen: "Stille Nacht" natürlich, Mendelssohns "Hebe deine Augen auf", Beethovens "Hymne an die Nacht" und "Heilige Nacht".

Die Plattenhülle zieren die Mädchen und Jungen, adrett in der damals brandneuen schwarz-weißen Kleiderordnung, vor der festlich angeleuchteten Altstadt plus Münster. Eine "1" auf dem Cover zeugt davon, dass Chorleiter Kaiser bereits Pläne hatte, "dass da mehr nachkommt", wie Jutta Ströbele sagt. Tatsächlich: Bereits 1965 erschien "Die Ulmer Spatzen singen 2".

Mittlerweile umfasst die Spatzen-Diskografie 18 Alben. Die aktuelle CD ist ganz frisch, aber ebenso weihnachtlich: Auf "Noël Nouvelet" finden sich 20 Titel, populäre und unbekanntere, traditionelle und moderne, stets geschmackvoll neu arrangiert. "Wir wollen das Alte bewahren", sagt Chorleiter Hans de Gilde, "aber wir leben eben in unserer heutigen Zeit." So erklingt "Es ist ein Ros entsprungen" in einem reizvoll ungewöhnlichen Satz und Bachs "Brich an, du schönes Morgenlicht" zeitlos gefällig.

Die Aufnahmen im Juli in der Heilig-Geist-Kirche verliefen angenehm, berichtet de Gilde und lacht: "Wir hatten eine Pizzeria in der Nähe, das tat der Atmosphäre gut und auch den Kräften." Statt wie geplant drei Tage, dauerten die Aufnahmen nur zwei. Anstrengend sei es freilich gewesen, die Lieder zuvor in einem Monat einzustudieren - von den 20 Titeln hatten die Spatzen zuvor nur fünf im Repertoire.

Erschienen ist die CD bei Carus - sie gehört zu einem besonderen Projekt des Verlags: Hans de Gilde hat mit Klaus Brecht und Klaus K. Weigele von der Landesakademie für die musizierende Jugend in Ochsenhausen ein Chorbuch herausgegeben, das zeitgemäße Arrangements von gut 90 Weihnachtsliedern bietet. Mal simpler, mal anspruchsvoller für Sopran- und Altstimmen gesetzt (meist mit Klavierbegleitung), richtet es sich vor allem an Kinder-, Schul- und Frauenchöre.

Sieben Lieder aus dem Buch und von der CD singen die Spatzen am Sonntag im traditionellen Weihnachtskonzert, zu dem sie mit der Jungen Bläserphilharmonie um 14 und 17 Uhr in die Pauluskirche einladen: etwa "Ding dong! Merrily on High", "Als ich bei meinen Schafen wacht" und "Magnificat". Selbstverständlich erklingt auch "Stille Nacht" - als Finale gemeinsam mit der vollen Bläserkraft der JBU.

Das war bei den Weihnachtskonzerten der Ulmer Spatzen in den 60ern im Kornhaus noch anders, andächtig, erinnern sich Rita Galle und Jutta Ströbele. "Es war ganz dunkel, nur der Tannenbaum leuchtete, dann sangen wir ,Stille Nacht." Sonst war kein Laut zu hören, nicht einmal der Boden knarrte.

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