Ulm Klingender Weltfrieden

Wunderbar: Giora Feidman in der Martin-Luther-Kirche.
Wunderbar: Giora Feidman in der Martin-Luther-Kirche. © Foto: Volkmar Könneke
BURKHARD SCHÄFER 14.01.2016
Der "König der Klarinette" war wieder mal zu Besuch in Ulm: Giora Feidman gab mit dem Rastrelli Cello Quartett ein bewegendes Konzert in der Martin-Luther-Kirche - samt Friedensappell.

Es war vielleicht der bewegendste Augenblick eines an magischen Momenten überreichen Auftritts, als Giora Feidman sich zur Halbzeit ans Publikum wandte und mit leiser Stimme verkündete, dass weder im Alten noch im Neuen Testament und auch nicht im Koran geschrieben stehe, dass es nur am Ende des Konzerts eine Zugabe geben darf. So würden er und seine Freunde vom Rastrelli Cello Quartett schon jetzt vor der Pause ein zusätzliches Stück spielen: eine Zusammenstellung aus der deutschen, israelischen und palästinensischen Nationalhymne. "Ich liebe Deutschland", sagte Feidman, es sei fantastisch, dass Deutsche und Juden gemeinsam in dieser Kirche zusammensäßen. "Wir sind eine Familie, wir wollen keinen Krieg, den wollen nur die Terroristen."

Aber noch mehr als Feidmans Worte war es die Musik, die zu den Herzen der vielen Menschen sprach, die sich in der Martin-Luther-Kirche versammelt hatten, um einem Konzert der Extra-Klasse zu lauschen. "Klezmer Bridges" war es überschrieben - so heißt auch die kürzlich erschienene CD der Fünf -, und es machte seinem Motto alle erdenkliche Ehren. Denn ein die verschiedenen Kulturen, Religionen und Musikstile miteinander verbindender Brückenbauer war Feidman schon immer, dazu ein Friedensstifter, ein Ausnahmekünstler sowieso. Und, man erlaube die Formulierung, ein Gandhi der Musik. Vielleicht ist es kein Zufall, dass er dem großen Freiheitskämpfer nicht unähnlich sieht. Welches Charisma Feidman ausstrahlt, war schon zu Beginn spürbar, als er, ganz leise "To My Friend Michele" intonierend, durch die Kirche langsam auf die Bühne schritt, wo das Rastrelli Quartett auf ihn wartete, um dann in die Musik mit einzustimmen.

In diesen charakteristischen, ganz und gar unverwechselbaren Tönen war im Grunde bereits alles mit eingeschlossen, was an berückendem Klangzauber und furioser Spielmagie noch folgen sollte. Einige der Stücke, etwa das folkige "Bublischki" oder das swingende "Moanin", dürften vielen Zuhörern unbekannt gewesen sein, im Gegensatz zu "Take Five" oder den beiden Stücke aus "Carmina Burana". Die eigentlichen "Hits" - etwa de Fallas "Danza del Molinero" oder das unsterbliche "When I'm 64" der Beatles - hatten sich die Musiker für die zweite Hälfte des Konzerts aufgespart. Vor allem "What A Wonderful World", das in den 60er Jahren eigens für den Trompeter Louis Armstrong geschrieben worden war, ging mächtig unter die Haut.

Feidman wäre nicht der König der Klarinette, wenn er nicht auch das Publikum in seine Künste einbeziehen und zum Mitsingen animieren würde. Spätestens, als alle in der Kirche "Donna Donna" oder den hebräischen Gruß "Shalom" anstimmten, war die Utopie des Weltfriedens und der Geist der Versöhnung für einen Moment lang intensiv gelebte Wirklichkeit. Ein überwältigender Abend.