Kathrin Müller (33), Biochemikerin, hat ein Pappschild gemalt, das sie am Freitagnachmittag auf dem Marktplatz zeigt: „Liebe Regierung, sei nicht dumm, spiel nicht mit dem Klima rum.“ Auf den Marktplatz steht sie mit ihrem Freund. Beide demonstrieren, weil sie es als besorgniserregend empfinden, „wie schnell das geht, dass sich das Klima verändert“, sagt Müller. Sie macht sich durchaus Sorgen, nicht mal so sehr um ihre Zukunft, aber um die der nächsten Generation.

Auf dem Marktplatz war sie nicht alleine. Kinder, Eltern, Großeltern, Lehrer, Wissenschaftler, Gewerkschafter sind dabei. Über 2000 Leute, so sagen die Veranstalter, die Ulmer Gruppe der Fridays-for-Future-Bewegung, waren in die Innenstadt gekommen, trotz Regen und Kälte. Zur Kundgebung hatte die Bewegung unter „#NeustartKlima“ aufgerufen, weltweit. Sie fordert eine bessere Klimapolitik. Die bisherigen Maßnahmen reichten nicht aus, schon gar nicht das Klimapaket der Regierung, um die Erderwärmung zu begrenzen, teilt die Ulmer Bewegung mit.

Warum Fridays for Future mit den Demos nicht aufhören kann

Zu ihr gehört Felix (17). Er steht auf der Bühne und sagt übers Mikro: „Wir würden gerne aufhören zu demonstrieren, aber die Politik lässt es nicht zu.“ Die Demonstranten applaudieren. Felix ruft im strömenden Regen: „Lasst uns nicht verärgert sein, über das, was wir nicht erreicht haben, sondern froh darüber, was wir gemeinsam erlebt haben!“ Er erinnert an die Demo im September, zu der in Ulm über 6000 Menschen gekommen waren. Er zählt auf, was er den Klimaaktivisten zuschreibt, die Druck ausgeübt haben: Das Europaparlament hat am Donnerstag den Klimanotstand ausgerufen. Konkret in Ulm wird die Stadt einen Manager für Klimaschutz einstellen, die SWU wird den Grundtarif als Ökostrom anbieten. Wieder gibt es Applaus der Demonstranten.

Wissenschaftler finden die Schülerbewegung super

Mit dem blau-weißen Button „Scientist for Future“ hat sich David Stakic (33) auf dem Marktplatz als Wissenschaftler ausgewiesen, der den Klimastreik unterstützt. Stakic harrt im Regen aus, weil er es super findet, „was da für eine Bewegung entstanden ist. Ich hoffe, dass die Jugend der Politik Feuer unterm Hintern macht.“ Denn, so sagt er, den Wissenschaftlern ist das nicht gelungen, obwohl sie seit über 30 Jahren auf den Klimawandel und seine Folgen hinweisen. „Ich setze viel Hoffnung in Fridays for Future.“ Er selbst versucht klimaverträglich zu leben, besitzt kein Auto, wohnt in einem Energieeffizienzhaus, telefoniert mit einem fair produzierten Fairphone, hat seine Konten bei einer sozial-ökologischen Bank. Dennoch ist seine Haltung: „Ich missioniere nicht.“ Stattdessen lebt er vor.

Der Protestzug durch die Innenstadt

Keine Klimademo ohne Songs. Die „Müller Sisters“ spielten, die Junge Ulmer Bühne zeigte ein Kabarettstück zwischen Eltern und Kind, gespielt von Sven Wisser, Sina Baajour und Jojo Fischer. Nach einer Stunde setzte sich der Demozug in Bewegung, diesmal vom Hans und Sophie Scholl-Platz zum südlichen Münsterplatz am Weihnachtsmarkt vorbei in die Hirschstraße zur Olgastraße, Frauenstraße, Neue Straße, zurück zum Marktplatz. Die Absprachen mit der SWU klappten, keine Bahn wurde blockiert.

Mit Sprüchen wie „Hoch für den Klimaschutz, runter mit der Kohle!“ zeigten sich die Demonstranten sportlich – sie streckten sich und gingen in die Knie. Die Plakate mit flotten Slogans waren spätestens nach einer Stunde nass und aufgeweicht, dem Engagement der Demonstranten tat das keinen Abbruch.

Lenia (14) ist in der Ulmer Gruppe der Bewegung, weil sie sich allein mitunter machtlos fühlt, angesichts der Tatsache „wie wir die Welt zerstören“. Fridays for Future findet sie „super“. In der Ulmer Gruppe wird debattiert, Protest geplant – „ich mag es, mich zu engagieren“.

Auf nach Brüssel!

Einladung Grünenpolitiker des Europaparlaments in Brüssel haben 30 Klimaaktivisten aus Deutschland eingeladen. Aus Ulm reisen bis zu zehn Leute an, teilten gestern Sprecher der Ulmer Gruppe der Bewegung Fridays for Future mit. Dafür applaudierten auf dem Marktplatz die Demonstranten. Heute starten die Ulmer nach Brüssel, natürlich reisen sie mit der Bahn.