Sein Konzept ist eigentlich ganz einfach: "Ich muss mich in ein Buch verlieben", sagt Sebastian Guggolz. Nur einer Liebe kann man sich mit Haut und Haar verschreiben, nur sie kann man voll und ganz vertreten, und aus Liebe ist man auch bereit, auf ein paar Sicherheiten im Leben zu verzichten. Und wirkt dabei trotzdem so unbeschwert wie der 34-jährige Verleger aus Berlin.

Am 22. April ist er zu Gast bei der Literaturwoche Donau, die am Donnerstag beginnt. Denn mit seinem Ansatz passt er genau ins Konzept. Ein Ein-Mann-Verleger mit einer Leidenschaft, die eine Marktlücke füllt: Guggolz publiziert ausschließlich Werke toter Autoren aus dem 19. und 20. Jahrhundert, "große Weltliteratur, die wir überhaupt nicht kennen" aus Nord- und Osteuropa. Nicht mehr als vier Bücher pro Jahr, schön und sorgfältig aufgemacht. Liebe bedeutet ja auch, sich zu konzentrieren.

Genau deshalb hat der gebürtige Oberschwabe 2013 eine langjährige sichere Arbeitsbeziehung aufgegeben. Als Lektor beim Verlag Matthes & Seitz hatte er seinen Beruf von der Pike auf gelernt. "Eine super Zeit, eine super Schule", sagt er heute. Aber mit der Zeit stieg die Unzufriedenheit. "Ich war grundsätzlich anderer Meinung, wie der Verlag sich entwickeln soll." Immer mehr Titel aufzulegen, war nicht sein Weg, Sebastian Guggolz wollte sich spezialisieren. So gründete er 2014 seinen eigenen Verlag, mit geliehenem Geld und einem Kredit der Hausbank seiner Eltern. "Ich hab' alles zusammengekratzt, was ging, aber ich war so überzeugt, dass mir die Schulden egal waren."

Nach eineinhalb Jahren wurde das Geld knapp, kurz vor der Buchmesse im Herbst war das Kapital so gut wie aufgebraucht, "das wäre wahrscheinlich meine letzte Messe gewesen". Hätte da nicht diese Idee im Hinterkopf gelungert: "Eigentlich ist man als Lektor doch perfekt für eine Quizshow." Tatsächlich wurde der Jungverleger zu "Quiz-Champion" eingeladen, schlug fünf Prominente und las später auf seinem Kontoauszug: "Herzlichen Glückwunsch, das ZDF" - Sebastian Guggolz war um 250.000 Euro reicher, weil er im Gegensatz zu Sänger Sasha wusste, dass das Zitat "Mein lieber Schwan" aus Wagners Oper "Lohengrin" stammt.

"Es hat lange gedauert, bis mir klar wurde, dass das wirklich passiert war", sagt er. Das Geld habe extrem viel verändert, seither kann er ruhig zuschauen, wie sein Verlag sich auf die schwarze Null zubewegt. Ganz ohne Nebenjobs geht es zwar nicht, doch das sei bei vielen so - Förderungen, Mäzene, Erbschaften, irgendeine Geldquelle brauche man als Kleinverleger.

Sebastian Guggolz ist angekommen in der Szene: "Die Leute merken, ich geh' nicht mehr weg." Vorschusslorbeeren - davon hatte sein Verlag toter Autoren reichlich - seien gut und schön. "Aber man muss eine Weile durchhalten, um ernstgenommen zu werden." Und dass der junge Mann über ein gerüttelt Maß an Charme verfügt, schadet seiner Sache sicher nicht.

Interessante Bücher machen muss man aber schon auch: Auf Guggolz' Backlist steht etwa "Frommes Elend" des hierzulande lange vergessenen finnischen Literaturnobelpreisträgers Frans Eemil Sillanpää. Guggolz brachte ihn heraus, als Finnland Gastland der Buchmesse war. Aktuell richtet sich seine ganze Fürsorge auf die neuesten Eroberungen, James Leslie Mitchells "Szenen aus Schottland" und Amalie Skrams "Professor Hieronimus". Mit Skram habe er endlich eine Frau im Programm, freut sich Guggolz. Noch dazu eine sehr kämpferische, ihr Roman entstand nach ihrem Aufenthalt in der Nervenklinik: "Das hat sie so empört, dass sie drüber schreiben wollte. Aber es ist kein Pamphlet, sondern eine differenzierte, ambivalente Geschichte."

Guggolz legt Wert darauf, dass der Entstehungszusammenhang "seiner" Bücher in der Übersetzung berücksichtigt wird, gibt Nachwörter oder Glossare bei, "weil mir die historische Einordnung wichtig ist". Mit dem bösen Wort von der "Manufactum-Literatur" kann er gut leben. Die Leute spürten eben die Überzeugung: "Man merkt, dass die Bücher geliebt werden."

Großes Programm zur vierten Auflage

In erweiterter Auflage Die Literaturwoche Donau präsentiert sich von 14. April bis 7. Mai zum vierten Mal mit stattlichem Programm. Erneut wird ein Blick auf kleine und unabhängige Verlage geworfen. Gelungen sei das Programm dank der Museumsgesellschaft Ulm, des Venet-Hauses und der Stadt Neu-Ulm, sagt Mit-Organisator Florian L. Arnold.

Verlage Neben Guggolz im Venet-Haus (22.4.) sind der Unionsverlag (23.4.) und der Maro-Verlag in der Buchhandlung Jastram zu Gast (24.4.). Der Bilgerverlag stellt sich am 28.4. im Edwin-Scharff-Museum vor. Das Verleger- und Autorenfest am 26.4. im Café D'Art präsentiert die regionale Szene mit Danubebooks, Edition Dreiklein und dem neuen Verlag Topalian und Milani.

Autoren Eines der Highlights ist Deborah Feldman mit "Unorthodox" aus dem Secession-Verlag (15.4. bei Jastram), außerdem kommt Nora Gomringer mit Verleger Leif Greinus von Voland & Quist (20.4., Museumsgesellschaft) sowie der Autor und Bestatter Kai Weyand mit "Applaus für Bronikowski"(25.4., Steinwerkstatt Vogel). In der vh ist Gertraud Klemm zu hören (30.4.), Stefana Sabin ist mit "Shakespeare auf 100 Seiten" eingeladen (15.4., Jastram) und der Science-Fiction-Autor Andreas Eschbach kommt in die Stadtbibliothek Ulm (6.5.). Walter Frei liest Werner Dürrson (2.5., Venet-Haus), zudem gibt es "Literaturtheater" vom Teatro Caprile aus Wien (3./4./5. Mai an unterschiedlichen Orten). Zum "Schluss mit Hesse!" spielt Knulp im Venet-Haus, Hubert Klöpfer erzählt aus 30 Verlagsjahren und Felicitas Andresen liest aus "Sex mit Hermann Hesse" (7. Mai, Venet-Haus).

Ausstellungen Buchgrafische Kunst von Einar Turkowski und den Connor Brothers zeigt ab 14. April das Venet-Haus. Bei Jastram ist Tommi Brems "Appendix Dick"zum Werk von Philip K. Dick ausgestellt.

Infos Vollständiges Programm: literatursalonulm.com