Ulmer Zelt Kleinkunst der etwas anderen Art im Zelt

Ulm / Petra Lehmann 13.06.2018

„Das Geld liegt auf der Fensterbank, Marie.“ Der sperrige Name des Duos irritiert zunächst ein wenig. Der Titel ihres neuen Programms dagegen nicht: „Gleich knallt’s.“ Wiebke Eymess und Friedolin Müller provozieren, frotzeln und streiten, was das Zeug hält – und das von Anfang bis zum fulminanten Schluss.

Das real-fiktive Paar, das auch im wahren Leben zusammen ist und zwei kleine Kinder hat, gibt sich recht politisch, streift diese Themen im Ulmer Zelt aber eher am Rande, etwa in dem Lied „Alte weiße Männer“, in dem nicht nur Trump, sondern auch Merkel ihr Fett abbekommt. Vielmehr geht es um Alltägliches, vermischt mit einer ordentlichen Portion Gesellschaftskritik und Realsatire.

Eymess und Müller ziehen Bilanz, denn die gebürtigen Hannoveraner sind vor einiger Zeit auf der Flucht vor den explodierenden Mieten in aufs Land gezogen. Doch während die „Öko-Trulla“ Eymess das Landleben idealisiert, kritisiert Müller Insektensterben, mit Glyphosat verseuchte Monokulturen und die Brötchen von der Tanke mangels Bäcker im Dorf. Eindrucksvoll intonieren die beiden das auf „Summ, summ, summ, kein Bienchen summt herum“ umgetextete Kinderlied.

Eymess spielt stets die Naive, deren abstruse Assoziationsketten verrückte Wendungen schlagen. Da kann es schon passieren, dass Lessings Ringparabel herhalten muss, um zu erklären, dass das gemeinsame Auto „irreparabel“ kaputt ist. Müller mimt dagegen den durchblickenden Intellektuellen – und den Macho.

Weitere Streitthemen oder auch liebevolle Frotzeleien, in dem sich sicher das eine oder andere Paar im Zelt wiedergefunden hat, sind lange Sitzungen auf dem Klo, die Werkzeug-Sammelleidenschaft von Männern, Intimrasur oder Netflix als „alternative Verhütungsmethode“. Doch spätestens beim gemeinsamen Bossa Nova scheint die Welt wieder in Ordnung.

Die beiden Comedians outen sich denn auch immer wieder als hervorragende Musiker, die sowohl mit der Gitarre und Ukulele als auch mit Ziehharmonika oder Orgel umzugehen wissen. Zusammen mit den schnellen sprachakrobatischen Dialogen wird daraus abwechslungsreiche Unterhaltung. Ja, das ist intelligent gemacht, charmante Kleinkunst der etwas anderen Art. Übrigens, die Zugabe löste die Frage nach dem Ursprung des Duo-Na­mens. Er geht auf ein altes Sprichwort zurück: Der Mann legt nach einer amourösen Stunde Geldscheine auf die Fensterbank.

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