Ulm / BURKHARD SCHÄFER Ein estnischer Abend in der Reihe "klassisch!" Am heutigen Abend gastieren das Prezioso String Quartet und Hando Nahkur im Stadthaus. Komponist Errki-Sven Tüür führt bereits um 19 Uhr in sein Werk ein.

Inwieweit empfindet das Prezioso String Quartet sich als Botschafter seines Landes?

HANNA-LIIS NAHKUR: Wir stammen alle aus Estland und waren immer von der Musik unserer Heimat umgeben. Ja, wir fühlen uns als ein estnisches Ensemble. Rein geografisch gesehen sind wir ein kleines Land, aber in Sachen Musik ein Hotspot - vor allem auch deshalb, weil Estland eine ganze Reihe herausragender Komponisten hervorgebracht hat: Erkki-Sven Tüür, Arvo Pärt, Lepo Sumera - um nur diese zu nennen. Und alle sprechen musikalisch eine ganz eigene Sprache. Etwas Vergleichbares gibt es in andern Ländern kaum.

Wie haben Sie die Auseinandersetzung mit "Lost Prayers", dem zweiten Streichquartett Ihres Landsmannes Erkki-Sven Tüür, erlebt?

HANNA-LIIS NAHKUR: Die Komposition ist sehr leidenschaftlich und emotional, dabei hoch intellektuell. Tüürs Stücke haben immer sehr starke und markante Strukturen - und der Komponist gibt grundsätzlich ganz klare Anweisungen, wie das musikalische Material zu spielen ist. Die Herausforderung besteht darin, all die vielen kleinen Details, die das Werk so bereichern, genauestens herauszuarbeiten und hörbar zu machen.

Was verbinden Sie mit dem 2. Streichquartett von Sergei Prokofjew?

HANNA-LIIS NAHKUR: Prokofjews F-Dur-Quartett ist eines unserer Lieblingswerke. Die Energie dieses Stückes passt zu uns und unserer Spielweise. Die russische Musik liegt uns buchstäblich sehr nahe, denn die estnische und russische Kultur waren so viele Jahre lang eng miteinander verflochten.

Mit dem Klavierquintett op. 44 von Robert Schumann haben Sie ja eines der berühmtesten Werke für diese Besetzung im Gepäck . . .

HANNA-LIIS NAHKUR: Das Schumann-Quintett haben sich das Prezioso String Quartet und unser Pianist Hando Nahkur gemeinsam auserkoren. Wir alle lieben diese Komposition sehr! Oft spielen wir ja wirklich weniger bekanntes Repertoire und betrachten es auch als eine unserer Aufgaben, dem Publikum solche Stücke, die nicht unbedingt zum Kanon gehören, zu präsentieren. Im Falle des berühmten Schumann-Stücks machen wir da eine Ausnahme. Gleichwohl versuchen wir bei jeder Aufführung, neue Aspekte dieses reichhaltigen Werkes erfahrbar zu machen.

Und wie kam es zu der Namensgebung "Prezioso String Quartet"?

HANNA-LIIS NAHKUR: Die Schönheit des Wortes und seine Bedeutung haben schon lange einen großen Reiz auf uns Musiker ausgeübt. Außerdem hat das Wort "Prezioso" eine positive Aura - und diese Tatsache ist uns sehr wichtig.

. . . und eine Frage an den Pianisten: Wie empfinden Sie die Klaviersonate von Erkki-Sven Tüür?

HANDO NAHKUR: Tüürs Klaviersonate ist eines dieser Werke, die alles enthalten, was man sich als Spieler und Zuhörer nur wünschen kann: Originalität, wundervolle musikalische Ideen und Erfindungsreichtum in allen drei Sätzen sowie eine breite Palette an Klangfarben und Rhythmen. Der Grund, warum die Werke von Tüür so genial sind, besteht darin, dass er inspirierende Ideen in musikalische Strukturen überführt und die Zuhörer an diesem Prozess teilhaben lässt.

Info Hanna-Liis Nahkur spielt die 1. Geige im Prezioso String Quartet, ihr Bruder Hando übernimmt den

Klavierpart im "klassisch!"-Konzert.