Es ist der übliche Trubel. Viele Menschen tummeln sich an diesem Dienstagabend auf dem Ulmer Münsterplatz. Mehrere Studenten stehen im Kreis vor dem Haupteingang der Kirche, sie unterhalten sich angeregt. Eine Touristengruppe läuft wie im Gänsemarsch hinter ihrem Stadtführer in Richtung Hirschstraße. Alles normal? Fehlanzeige! Denn als ein Mann einen Klavierflügel auf den Platz rollt, ist die Neugier groß. Die Leute bleiben stehen, Blicke richten sich auf ihn. Der Mann setzt sich auf einen Hocker, greift in die Tasten seines Instruments – und plötzlich ändert sich die Atmosphäre schlagartig: Gespräche verstummen. Andächtig lauschen die Fußgänger der Musik. Einige setzten sich auf den Boden, andere zücken ihre Kamera und machen Videos für ihre Freunde.

Klavierkunst: Davide Martello schläft im Wald

Davide Martello hat es wieder einmal geschafft. Er hat das zufällige Publikum in seinen Bann gezogen. Vergnügt spielt er knapp drei Stunden eigene Kompositionen und ausgewählte Coverstücke. Dann packt er seine Sachen zusammen und verlässt den Münsterplatz. Für den 37-Jährigen ist die Show damit vorbei. Zumindest für heute. Nun beginnt der unglamouröse Teil des Abends: Martello fährt mit seinem Auto aus der Stadt, sucht sich im Wald ein ruhiges Örtchen und legt sich dort im Zelt schlafen. Am nächsten Morgen geht es in eine andere Stadt ...

Der Lebensentwurf des Pianisten ist außergewöhnlich. „Ich habe zwar eine Wohnung in Konstanz, bin aber faktisch nie dort“, sagt Martello. Stattdessen tourt er mit Auto und Zelt quer durch Europa, um die Leute in den Großstädten mit seiner „Klavierkunst“ zu begeistern. Geld verdient er dabei ausschließlich durch die Spenden seiner Zuhörer. Es ist ein Leben ohne Luxus, ohne Heimat und ohne eine finanzielle Sicherheit. Doch für den Deutsch-Italiener ist dies der einzig richtige Weg. „Mein Leben ist begrenzt und ich will so viel wie möglich erleben“, erklärt der gebürtige Lörracher. Gleichzeitig wolle er sich mit seiner Musik für den Frieden in der Welt einsetzen.

Unterwegs für den Frieden: Davide Martello reist um die Welt

So spielte Martello etwa 2013 bei Protesten gegen den türkischen Präsidenten Erdogan in Istanbul, wo er von der dortigen Presse schnell als „Friedensengel am Flügel“ bezeichnet wurde. Zudem sorgte er im Jahr darauf mit einem Spontan-Konzert in Köln dafür, dass sich die angespannte Lage nach einer Hooligan-Demonstration zeitweise beruhigte. „Frieden ist einfach immer schön“, sagt Martello glücklich.

Davide Martello bei einem Straßen-Konzert in Rumänien.
© Foto: afp

Dennoch sind es vor allem die Momente bei den gewöhnlichen Auftritten, die Martello so genießt: „Als ich in New Orleans gespielt habe, hat mir ein behindertes Mädchen zugehört. Plötzlich hat sie wie losgelöst zur Musik getanzt. Es war unglaublich ...“ Ein anderes Mal, so erzählt Martello, war er in Stuttgart zu Gast und ein Polizist kam vorbei. In Uniform setzte er sich für kurze Zeit ans Klavier, um selbst zu spielen. „Diese unvergesslichen Erlebnisse geben mir die Kraft, weiterzumachen“, sagt er.

Diese Geschichten will der gelernte Friseur, der das Projekt „Klavierkunst“ 2011 startete, in seinen Kompositionen verarbeiten. Daher holt er auch bei seinem Auftritt in Ulm sein Handy aus der Tasche, nimmt eine neue Passage, die er beim Spielen auf dem Münsterplatz entwickelt hat, auf. Dann fügt er dem kurzen Audioclip am Ende noch ein leises „Ulm“ hinzu. Damit wisse er, in welcher Stadt der Ursprung jeder einzelnen seiner mehr als 500 Kompositionen, die er auf seinem Mobiltelefon abgespeichert hat, liege.

Davide Martello spielt wieder in Ulm

Am Freitag, 11. Oktober, spielt Davide Martello wieder in Ulm. Ob auf dem Münsterplatz oder in der Neuen Mitte, weiß er noch nicht. Fest steht hingegen, dass er von 18 bis 21 Uhr da sein wird.

Dieser Artikel ist in Kooperation mit cityStories Ulm entstanden.

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