Schule Klassentreffen nach 55 Jahren

ulm / Von Bernd Rindle 09.04.2018

So ein Klassentreffen ist immer irgendwie eine Fahrt ins Ungewisse und für Überraschungen gut. Im Fall der ehemaligen Absolventen der Ulrich-von-Ensingen-Realschule, die vor 55 Jahren als erste Schüler des Neubaus die Mittlere Reife erworben haben, kam es am Samstag auf dem Münsterplatz gar zu einer Begegnung der übersinnlichen Art. Leicht bleich im Gesicht wähnte einer den Astralkörper eines verblichenen geglaubten Klassenkameraden zu sehen. Aber die gute Nachricht vorweg: Heinz-Peter Lahaye lebt!

 Der bekannte Ulmer Grafiker erfreut sich bester Gesundheit gegenüber anderslautender Gerüchte, die sich auf dem E-Mail-Weg hin und her irrtümlich verbreitet hatten. Ein klarer Fall von stiller Post. Abgesehen davon machten alle Pennäler der Vergangenheit in der Gegenwart einen äußerst rüstigen Eindruck, obwohl sie schon ein paar Jahre auf dem Buckel haben. „Wir sind alle zwischen 72 und 73 Jahre alt“, sagt Helmut Held, dem die Organisation der Zusammenkunft „aufs Auge gedrückt“ worden war.

 Und weil sie alle noch gut beieinander sind, hat Held ein Programm zusammengestellt, das auch Auswärtige nach Ulm locken sollte: Zunächst eine Münsterführung quer unter dem Dach bis zu den Chortürmen, mit anschließender Zusammenkunft in einem Ulmer Traditionslokal, um sich der alten Zeiten zu besinnen und sich, wie es sich geziemt, wie früher ein wenig zu frotzeln. Angesichts der Frage, ob es denn eine lange Nacht werden könne, wollte Lahaye damit so lange nicht warten: „Um halb zehn schauen die ersten schon auf die Uhr.“ Es sollte anders kommen…

 Ganz anders. „Aus der Münsterführung wurde nichts“, bedauerte Heinz Held. „Der Stadtführer hat uns sitzen lassen und ist gar nicht erschienen.“ Sehr zur Enttäuschung der eigens angereisten Klassenkameraden, von denen einige mittlerweile unter anderem in Speyer, Stuttgart, Ravensburg und Tuttlingen wohnen. Zwei der Ehemaligen konnte das indessen nicht ärgern: „Fußkrank“ wie sie seien, hatten sie von vornherein gesagt, dass die auf den Rundgang verzichten und erst in der Kneipe dazustoßen würden.

 Doch wenn jemand etwas mit unerwarteter Freizeit anfangen kann, sind es Pensionäre, wobei sich nicht alle im Ruhestand befinden, wie Held sagt: „Einer, der Geld drucken kann, schafft immer noch: der ist Notar.“ Dessen ehemalige Klassenkameraden, vom Berufsschullehrer bis zum Steuerprüfer, haben den Griffel längst aus der Hand gelegt. Einer sogar frühzeitig: „Der war Steuerberater und hat mit 54 seine Kanzlei erfolgreich verkauft und ist seitdem Privatier.“  So blieb genug Zeit, sich der Vergangenheit und den Begebenheiten zu besinnen, als man noch mit Welt-Hölzern versuchte, den Schulthermometer anzuheizen, um sich hitzefrei zu ergaunern. Mit zweifelhaften Erfolg, wie sich Hans-Jörg Stöhr erinnert: „45 Grad waren dann doch zu viel.“

Zuviel war wohl auch die Begegnung mit einer vermeintlichen Kuh auf einer Wiese nahe des Schullandheim am Stoffelsberg beim Niedersonthofener See. Was da „von hinten angetrabt kam, war ein Stier, mit dem wollte sich keiner anlegen.“ Ergo nahmen sie die Beine in die Hand.

Zu Fuß nach Hause

Am Samstagabend dann waren es dann eher die Krüge, die sie hoben. Dabei mögen manche der üblichen Verdächtigen wohl um halb zehn auf die Uhr geschaut haben, gegangen sind sie nicht vor halb zwölf. Und um diese Zeit auch nicht alle: Ein halbes Dutzend ist noch weitergezogen ins nächste Lokal.

„Kurz vor zwei Uhr war ich daheim“, erinnert sich Helmut Held. Was nicht allein an der Geselligkeit lag. Sein Fahrrad stand im mittlerweile abgesperrten Hof der ersten Wirtschaft und um die Uhrzeit fuhr kein Bus mehr: „Zu Fuß nach Böfingen zu laufen, hat sich ganz schön gezogen.“

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