Klarinettenzauber statt Holzklasse Multiphonics Festival im Stadthaus

Zum Finale mit seinem Trio lud der Franzose Thomas Savy (links) kurzerhand Gabriele Mirabassi dazu.
Zum Finale mit seinem Trio lud der Franzose Thomas Savy (links) kurzerhand Gabriele Mirabassi dazu. © Foto: Udo Eberl
UDO EBERL 04.10.2014
Vier Konzerte, vier musikalische Leckerbissen: Das erste internationale Klarinettenfestival, begeisterte an den ersten beiden Tagen mit Thomas Savy, Mirabassi Trio, Tá Lam und dem Balkan Clarinet Summit.

Quantität, Qualität, Klarinettät - viel mehr ging nicht am Instrument. Was die Besucher des ersten Multiphonics Festival im Ulmer Stadthaus erleben durften, war in seiner Bandbreite, Expressivität und teils überbordenden Melancholie eine Hommage ans klingende Holz. Herausfordernd, Räume öffnend, stilübergreifend erwartungsgemäß sowieso, bisweilen auch einfach nur zum Träumen.

Was da beim vom Verein für moderne Musik und dem Stadthaus veranstalteten Festival auf einen zukommen würde, war schon beim Auftakt des französischen Bassklarinettisten Thomas Savy mit seinem Trio am Mittwoch zu erahnen. Technisch erstklassig, quirlig-aufregend mit reichlich Drive, aufgeladen bis in die Haarspitzen und doch sensitiv tastend. Bisweilen geradezu im Flüsterschritt gestalteten die Musiker freie Räume, ordneten Abstraktionen mit klarem Gestaltungswillen - das neue Cool im französischen Jazz. Eine neue Klangfarbe kam im Finale mit Gabriele Mirabassi ins Spiel. Savy hatte den Italiener nach dem Soundcheck kurzerhand gefragt, ob der beim multiphonischen Miteinander dabeisein wolle. Und wie er wollte: Entfesselt und mit überschwänglicher Rasanz wirbelte er im positivsten Sinn reichlich klarinettistischen Staub auf.

Während Mirabassi sich verbal gar nicht tief genug vor Enrico Pieranunzi verneigen konnte, dankte der dem anwesenden Label-Macher York von Prittwitz, der ihm einst die Tür zum deutschen Jazz-Markt geöffnet hatte. Klarinettist Mirabassi und Pianist Pieranunzi, der Jazzharmonien und perlende Läufe mit lässiger Grandezza aus dem Ärmel zu schütteln scheint, boten mit Bassist Luca Bulgarelli und ihren "Racconti Mediterranei" herrliche Melodiebögen und solistischen Galopp, geprägt vom Jazz ebenso wie vom reichen Schatz italienischer Folklore. Mirabassi schien dabei seine Ton-Girlanden aus sich herauszuwinden, während der von italienischen Jazzfans abgöttisch geliebte Pieranunzi zwischen den Stücken fast zum Comedian wurde.

Tags darauf war der Auftritt von Gebhard Ullmanns Tá Lam in den tiefen Fußstapfen eines Charles Mingus ein alternatives Bläser-Fest: Zehn Saxophonisten und Klarinettisten, ein Akkordeon - das vorletzte Konzert dieser Elf nach 24 Jahren als waghalsiger Parforceritt. Extrem starke solistische Beiträge und Duelle, Mingus-Defragmentierungen mit Tiefenschärfe, aberwitzig komplexe Bläsersätze und rhythmisch verzwicktes und doch treibendes Bass-Holz - von wegen Holzklasse, dieser Querschnitt durch vier Alben war erste Sahne. Angeführt vom Akkordeonisten Hans Hassler biss sich das Ensemble mit dem Weillschen Haifisch zudem durch die aufgewühlt walzerselige Donau. Grandios die Zugabe: Das Publikum wurde umzingelt und in ein Netz der leisen Zwischentöne und Schwingungen gepackt.

Darauf folgte Claudio Puntins Balkan Clarinet Summit mit Sturmgebraus und modifizierten Volksweisen. Juchzende Virtuosität traf hier auf Jazz-Ambition im Off-Bereich. Die Fassung dieses vom Goethe-Institut angeschobenen Treffens der südosteuropäischen Spitzen-Klarinettisten war der Balkan-Sound, samt dahinschmelzender Melancholie und auch mal mit Verzerrer-Effekt dreckig angekratzt. Wie unterschiedlich doch so eine Klarinette klingen kann. Bereits zur Halbzeit des Festivals waren alle Erwartungen weit übertroffen worden.

Info Heute, 20 Uhr, endet das Multiphonics Festival im Stadthaus mit David Krakauers Ancestral Groove.