Sie hören Hiphop und Pop, lärmen beim Umkleiden, schießen Handy-Fotos vom Lego-Modell des Ulmer Münsters. Ihr Beruf?  Hymnus Chorknaben, seit 2010 unter Rainer Johannes Homburgs  Leitung. Die hochkarätige Stuttgarter Boygroup mit erlesenen Solisten aus eigenen Reihen  traf am Freitag im Münster in der Reihe „Stunde der Kirchenmusik“ auf offene Ohren und Herzen. Ihr Mut zur Moderne erweiterte Hörhorizonte.

Feierlich zogen 20 Twens im Anzug,  gefolgt von etwa 40 Knaben im schwarzen Talar mit weißem Kragen, darunter zehnjährige Steppkes, mit dem bekannten Taizé-Lied „Laudate omnes gentes“ beidseitig zum gotischen Altar-Triptychon im Chorraum. War die Gänsehaut den ziemlich kühlen Münster-Temperaturen geschuldet oder dem  chorischen Wohlklang in  meditativer Atmosphäre?

Mit  Renaissance-Meister Palestrina („Sicut cervus desiderat“ ) steckten die Hymnusianer das 600-jährige Feld der  geistlichen Vokalmusik ab – zumeist a-cappella, aber auch mal von Joachim Priesner am Orgelpositiv und Maike Stumpf am Kontrabass begleitet. Hellwach, gestenreich animierte der 50-jährige Homburg das Kollektiv. Stimmschön  – von profunden Bässen bis zu silberhellen Knabenstimmen  im Höhenflug – zauberte ausgefeilte Sprach- und Stimmkultur kleine Klangwunder.

Bewundernswert, wie organisch das  Tutti vierstimmige Motetten der Romantik von Felix Mendelssohn-Bartholdy oder Albert Becker interpretierte. Anspruchsvoll arrangierte Spirituals und seltene Kleinode von  Kurt Thomas, William Lawrence,  Howard Goodalls „The Lord is my shepherd“ im berührenden Schönklang  oder Jester Hairstons „Amen“ mit Tenor-Vorsänger entfalteten im nachhallenden Ausklang magische Wirkung.

Faszinierend, aber nicht brüskierend  legte zwischendurch  Homburg den Schwerpunkt auf zeitgenössische Werke, etwa mit Günter Bergers „El Roi-Impressionen“ über Jesaja-Verse und Gedicht-Zitate „in synagonalen, arabischen und gregorianischen Modi“. Lautmalerisch  entfächerte sich das elf Minuten lange Stück bis zur Achtstimmigkeit:  aufstampfend, zischend, fauchend, mit Sprechgesang und Melodiefetzen, Sprecher-Rezitation und Sopran-Solo.

Umsichtig  umschiffte Homburg  auch in Arthur Heymes  „Vater unser“ harmonische Reibungen. Ohne nennenswerte Abstriche wurden satztechnische Klippen im Gloria aus Moritz Eggerts A-cappella-Messe „Vom Himmel und der ganzen Welt“, unter der das ganze Konzert firmierte, gemeistert. Großer Schlussapplaus und zwei Zugaben.