Kirchenmusik Kirchenmusikdirektorin Bettina Gilbert verlässt Blaubeuren

Bettina Gilbert an der „Favoritin“, der kleinen Truhenorgel im Altarraum der Stadtkirche Blaubeuren.
Bettina Gilbert an der „Favoritin“, der kleinen Truhenorgel im Altarraum der Stadtkirche Blaubeuren. © Foto: Helmut Pusch
Helmut Pusch 22.12.2017

In ihrem Büro im Matthäus-Al­ber-Haus der evangelischen Kirche in der Blau­beurer Klosterstraße stehen Umzugskartons. Man sieht: Hier zieht jemand um. 30 Jahre lang war Kirchenmusikdirektorin Bettina Gilbert Kantorin des Kirchenbezirks Blau­beu­ren, jetzt wechselt sie nach Hildesheim, zur hannoverschen Landeskirche.

Während sie im Café um die Ecke einen Espresso trinkt, sprechen sie zwei Blaubeurerinnen an, die sich persönlich verabschieden wollen. Eine davon ist Barbara Rinker von der Blaubeurer Marionettenbühne, die sich explizit für die Arbeit mit dem Kinderchor und dem Gospelchor bedankt. Man spürt: Da geht jemand, der im Kontakt war mit den Menschen.

Von der Uni nach Blaubeuren

Bettina Gilbert ist auch keine Kirchenmusikerin von der Stange. Die Stelle als Bezirkskantorin trat sie gleich nach ihrem Studium an. Das hatte die gebürtige Hessin in Esslingen absolviert. Der Grund: Hans Georg Bertram, dessen Werke Bettina Gilbert auch immer wieder in Blaubeuren aufgeführt hat. Der Organist und Komponist hatte sie schon in Gießen unterrichtet, und als er zum Professor für Kirchenmusik nach Esslingen berufen wurde, beschloss seine Schülerin, ebenfalls nach Esslingen zu gehen.

Als die Stelle in Blaubeuren frei wurde, bewarb sie sich für den Kirchenbezirk, der 24 Gemeinden umfasst, von Rottenacker im Süden bis Nellingen im Norden. Eine ganz schön anspruchsvolle Tätigkeit für eine gerade mal 25-jährige Berufsanfängerin. Warum entschieden sich die Blaubeurer für sie? „Ich glaube, das war die Art und Weise, wie ich bei meinem Orgelvorspiel die Lieder begleitet habe. Mein Ziel ist es immer, so zu begleiten, wie es die Atmosphäre und der Text jeder Strophe erfordern“, sagt die 55-Jährige.

Das hat mit Einfühlungsvermögen, aber auch mit Improvisationstalent zu tun. Und von da an ist es nur noch ein kleiner Schritt zu den musikalischen Nischen, die Bettina Gilbert in Blaubeuren erfolgreich bespielt hat. Sie hat Kirchenmusik mit Tanz kombiniert, ja ganze Gottesdienste damit gestaltet. Zu Haydns „Schöpfung“ machte die Münchner Tänzerin Stephanie Groß eine Choreografie für die Blaubeurer Kantorei, deren Sänger das Oratorium so auch tanzten.

Und sie hat immer wieder auch Popmusik in die Kirche gebracht, hat sowohl in der Sparte Ausdruckstanz als auch im kirchenmusikalischen Pop Qualifikationen erworben – und davon profitiert, wie sie heute sagt. „In meiner Popausbildung habe ich auch Schlagzeug gelernt, das hat mir eine Menge für mein Rhythmusgefühl gebracht. Nicht nur in der Popmusik: Ich spiele heute auch Bach anders als vorher.“ Und wenn sie Orgelunterricht gibt, dann hat sie oft ihr Cajon dabei, eine Trommelkiste, mit der man ein Schlagzeug ersetzen kann.

Ihre Erkenntnis: „Man muss offen sein, die verschiedenen Bereiche können sich gegenseitig unglaublich bereichern – man muss es nur zulassen.“ Und da fand Bettina Gilbert in Blaubeuren offene Ohren. „Ich hatte das Glück, dass ich immer Partner hatte, die das ebenso gesehen haben“, sagt sie über ihre Mitmusiker, die Sänger ihrer Chöre und die Dekane.

Talent vererbt

Ihre Affinität zu Jazz und Pop hat sie auch vererbt. Ihr 24-jähriger Sohn Arno Krokenberger hatte schon als 15-Jähriger den Landeswettbewerb „Jugend jazzt“ gewonnen. Jetzt kann Bettina Gilbert ihre Erkenntnisse auf anderer Ebene weitergeben: Für die hannoversche Landeskirche wird sie Kirchenmusiker im Pop unterrichten und das Netzwerk „Musik für Kinder“ ausbauen. Die 55-Jährige tritt im Evangelischen Zentrum für Gottesdienst und Kirchenmusik in Hildesheim die Nachfolge von Kirchenmusikdirektor Wolfgang Teichmann an. Und der ist eine Kapazität in Sachen kirchlicher Pop.

„Die hannoversche Landeskirche ist da ein gutes Stück weiter als wir hier“, sagt Bettina Gilbert, die sich auf die neue Aufgabe freut. „Mir liegt es, Wissen weiterzugeben.“ Und der Bedarf ist hoch, nicht nur bei der Ausbildung und Qualifizierung von Kirchenmusikern, es fehlt auch an Material, wie etwa Bands neue Kirchenlieder begleiten können.

Am zweiten Weihnachtsfeiertag sagt sie Servus

Musikerin Bettina Gilbert stammt aus der hessischen Universitätsstadt Gießen, wo sie auch von Hans Georg Bertram den ersten Orgelunterricht bekam. Sie studierte in Esslingen Kirchenmusik und begann 1987 als Bezirkskantorin in Blaubeuren. 2000 wurde sie zur Kirchenmusikdirektorin ernannt. Seit 2015 ist sie Mitglied der Synode der Evangelischen Kirche.

Verabschiedung Am zweiten Weihnachtsfeiertag, 17 Uhr, wird Bettina Gilbert beim weihnachtlichen Singgottesdienst in der Stadtkirche Blaubeuren verabschiedet.