Soziales Kindern die Kontrolle wiedergeben

Soziales / Verena Schühly 14.08.2018

Der Papa darf nicht schreien und schlagen. Er darf mich auch nicht piksen oder Blumen kaputt machen. Er soll mit mir Eis essen.“ Oder: „Ich will nicht mit dem Papa sprechen, sondern er soll nur mit mir malen.“  Diese Wünsche zeigen den Problemhorizont auf, in dem sich das Projekt „Kind im Zentrum“ des Kinderschutzbunds (KSB) Ulm/Neu-Ulm bewegt. Zielgruppe sind Trennungsfamilien, in denen es massive Konflikte oder Gewalt in körperlicher, sexueller oder psychischer Form gibt und gab. Mit dem Konzept wird im Kinderschutzbund ein besonderer Schutzraum geschaffen, in dem der getrennt lebende Elternteil sein Kind unter Aufsicht sehen kann.

„Beim beaufsichtigten Umgang geht es darum, dass Trennungskinder wieder Kontakt zu dem anderen Elternteil haben, den sie zu ihrem eigenen Schutz oft Monate lang nicht gesehen haben“, erläutert Bettina Müller, die Leiterin der psychologischen Beratungsstelle des Kinderschutzbunds. Wenn beispielsweise die Mutter dem gewalttätigen Vater nach der Trennung den Kontakt mit seinen Kindern verweigerte und sich dieser das Umgangsrecht vor Gericht erstritten hat.

Recht, das Kind zu sehen

Für diese Familien wurde mit „Kind im Zentrum“ eine besondere Form des begleiteten Umgangs entwickelt. „Eltern haben ein Recht, das Kind zu sehen. Aber die Frage ist doch: Wie geht es dem Kind dabei? Es hat ein Recht, geschützt zu werden“, macht die Psychologin den Ansatz des Konzepts deutlich, das die Ulmer 2016 entwickelt haben. Denn bei den Treffen werden bei vielen Mädchen und Buben schlimme  Erinnerungen wach oder sie haben Angst.

Deshalb bekommen die Kinder  einen eigenen Berater zur Vor- und Nachbereitung der Treffen. Anja Federle und Anja Schönleber sind zwei der therapeutischen Fachkräfte, die als Beraterinnen fungieren. „Wir fragen nach den Gefühlen und Wünschen der Kinder“, berichtet Schönleber. Das Ergebnis sind manchmal Sätze wie die eingangs zitierten. „Viele Kinder merken hier zum ersten Mal, dass ihre Bedürfnisse ernst genommen werden und sie mitentscheiden können“, fügt Federle an.

Mit den Eltern finden gesonderte Gespräche statt, die ein zweiter Berater führt und in denen er die Wünsche der Kinder vermittelt. In den Elterngesprächen geht es darum, die Eltern zu unterstützen, Kompromisse zu schließen und fürsorgliche, langfristig tragende Lösungen für ihre Kinder zu finden.

„Wenn ein Kind Gewalt erfährt, gerät die Situation aus seiner Sicht außer Kontrolle. Es erlebt extreme Hilflosigkeit“, erläutert Bettina Müller. „Kind im Zentrum“ ist ein Weg, Kindern die Kontrolle wiederzugeben.

Bei den Treffen selbst ist ein eigens geschulter Ehrenamtlicher im Spielzimmer mit anwesend – also eine dritte neutrale Person vom KSB. Er achtet darauf, dass die mit den Beratern festgelegten Regeln eingehalten werden

Das Konzept greift auch für Familien, in denen die Umstände durch andere Faktoren schwierig sind: Beispielsweise dass der getrennte Elternteil psychisch krank ist oder im Gefängnis sitzt. Bettina Müller: „Es ist wichtig für Kinder, dass sie eine Idee von ihren Eltern haben. Dann müssen sie nicht mit 20 loslaufen und auf eine Suche gehen, die in Enttäuschung endet.“

Weniger Fälle für Familiengericht

Seit gut zwei Jahren arbeitet der Kinderschutzbund mit dem Konzept „Kind im Zentrum“ und entwickelt es weiter. So gibt es inzwischen pädagogisches Material, um den Kindern das Verfahren verständlich zu machen. Die Erfahrungen sind gut: „Es geht viel weniger zurück vor Gericht“, berichtet Müller. „Die Familien finden hier Lösungen, die für den Moment tragen.“ Aktuell werden von den haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitern etwa 40 Familien in allen Formen des begleiteten Umgangs betreut.

Als nächsten Schritt wünscht sich der Kinderschutzbund eine wissenschaftliche Begleitung. Dazu ist Bettina Müller schon im Gespräch mit Prof. Jörg Fegert von der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Uni Ulm. Eine Untersuchung wäre beispielsweise über Stresshormone möglich. Eltern sei oft nicht klar, was die Kinder alles mitbekommen haben. Müller: „Die Kinder haben erlebt, dass ihnen durch die Trennung mit Gewalt und schweren Konflikten ihr Leben aus den Fugen geraten ist. Da sind posttraumatische Belastungsstörungen möglich.“

Die ersten beiden Jahre wurde das Konzept durch Projektgelder finanziert. Die sind jetzt ausgelaufen, der Kinderschutzbund ist zur Fortführung auf Spenden angewiesen. Bettina Müller ist deswegen nicht bang. „Ich bin überzeugt: Dieses Projekt ist die Zukunft. Es wirkt sehr nachhaltig. Und vielleicht wird diese Art des beaufsichtigten Umgangs auch wieder Gesetzesnorm.“

Ulmer sind die Pioniere des begleiteten Umgangs

Kinderrechte Der Kinderschutzbund (KSB) Ulm hat in den 1980er Jahren den begleiteten Umgang bei Elterntrennung sozusagen erfunden. Diese Pionierarbeit ist 1998 als Standard ins Gesetz aufgenommen worden. Mehr als 2500 Familien hat der KSB auf diese Weise begleitet – und die Nachfrage ist ungebrochen hoch.

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