April 1516: In seinem Testament vermacht Ulrich Krafft, einer der größten Juristen seiner Zeit und Münsterpfarrer, seine Buchsammlung dem Rat der Freien Reichsstadt Ulm als Grundstock für eine städtische Bibliothek. "Knapp 50.000 Bücher, gedruckt vor 1800 haben wir in unserer Zuständigkeit", hob Bibliothekschef Martin Szlatki die Tradition hervor, die diese 500-jährige Geschichte noch heute für die Stadt Ulm und ihre Bibliothek bedeute.

"Tradition und Moderne, das feiern wir hier", sagte er anlässlich des Fests, das die Zentralbibliothek am Samstag ausgerichtet hat. Mit einem langen Ausleihe-Samstag und einem bunten Programm war in der Glaspyramide einiges geboten.

Vor allem die spielerische Erfahrung des Buchdrucks sollte bei den kleinen Ulmer Bürgern ein Verständnis für diese Traditionen wecken. So hatten Konrad Neubrand und Jörg Eberwein von der Ulmer Druckwerkstatt erstmals eine Druckmaschine in die Bücherei geschleppt, um den Kindern die Geschichte des Papiers und des Druckens zu erklären und ihnen Druckverfahren zu zeigen. So durften sie sich auf Styroporplatten ihr eigenes Bild gestalten, das anschließend in der Presse gewalzt wurde. Carmen Spalj demonstrierte die Farbdrucktechniken, um auch die Kleinsten zu begeistern.

"Am besten gefallen hat mir der Handdruck", sagte Fabian Szponar, der mit seiner Schwester Blanca das Programm in der Bibliothek nutzte, und mit einfachen Farbdrucktechniken und unter Anleitung einen Außerirdischen, eine Spinne und einen Piraten aufs Papier brachte.

"Gleich um 10 Uhr ging es hier bei uns schon rund", freute sich Gabriele Koukol, Leiterin der Kinderbibliothek, über das rege Interesse an den Angeboten im Haus. Fast jede Stunde wurde ein Bilderbuchkino gezeigt, das die Abenteuer und Wunder mit Büchern und in Bibliotheken zum Ausdruck brachte. Buchbindermeister Jan Slezàk führte vor, wie Buntpapier in farbiger Marmoriertechnik hergestellt wird, und das Tournee-Theater Tom Teuer erzählte die Geschichte von einem Steinzeit-Mädchen, das zu seinen Höhlenmalereien Töne und Geräusche erfunden hat.

Rund um die Bibliothek gab eine Gauklergruppe aus Biberach ihre Künste zum Besten. Oder die Besucher konnten den Klängen der Musikschüler aus Ulm und Neu-Ulm lauschen: Sie spielten Tanzmusik der Renaissance mit einem Gitarren- und einem Blockflötenensemble, Sonaten der Barockzeit für Blockflöten und Klavier sowie Romantisches für Harfe und Streicher. Am Nachmittag zeigte die Comedienne Heike Sauer als Marlies Blume ihr Herz für die Ulmer Buchkultur, und auch die Popbastion war mit zwei Bands vertreten.

"Dass wir nicht nur die Traditionen in Form von alten Büchern verwahren, und dass wir nicht nur einen wissenschaftlichen Ansatz verfolgen, sondern gleichzeitig in die Zukunft blicken und damit ein Ort der Bildung und Kultur für alle Bürger sind, das wollten wir mit diesem vielfältigen Programm heute zeigen", sagte Szlatki, der Interessierte an diesem Tag durch die Glaspyramide führte.

Tag der Bibliotheken

Spitzenplatz Der lange Samstag, das war noch nicht alles zum 500-jährigen Bestehen der Ulmer Stadtbibliothek. Bis zum Tag der Bibliotheken am 24. Oktober sind im Jubiläumsprogramm knapp 100 Veranstaltungen geplant, die in der Zentralbibliothek, in den Stadtteilen und im Bücherbus stattfinden. Mit 600.000 Besuchern pro Jahr gehört die Ulmer Bibliothek im Landesvergleich zur Spitzengruppe in Baden-Württemberg.