Als der Söflinger Hans-Otto Leibing gestern aufwachte, hörte er es plät­schern. „Zuerst habe ich gedacht, es regnet und das Wasser läuft durch meine Dachrinne“, erzählt der 71-Jährige. Dann wurde ihm klar: Das Geräusch passt nicht. Ein Blick aus dem Fenster offenbarte schließlich die unschöne Wahrheit: „Wasser ist in Strömen in meinen Garten geflossen.“ Der Blaukanal war zwischen der Meinloh- und der Clarissenstraße über seine Ufer getreten, Leibings Grundstück in der Meinlohstraße 21 in der Spitze bis zu 30 Zentimeter hoch überflutet. Die schlammigen Fluten drückten durch Fenster und Türen auch in den Keller. Leibing alarmierte die Feuerwehr.

Falsche Steuerung der Wehranlage

Diese habe durch ihr schnelles Eingreifen Schlimmeres verhindert, ist Leibing überzeugt. „So stellt man sich das vor.“ Mit Sandsäcken und Plastikplanen drängten die Kameraden das Wasser zurück, leistungsstarke Pumpen sorgten dafür, dass der Pegel im Keller bis zur Mittagszeit sank.

Grund für das Hochwasser war aus Sicht von Feuerwehr-Einsatzleiter Andreas Burst „eine fehlerhafte Steuerung der Wehranlage in Blaustein“. Dort sei deutlich zu viel Wasser aus der Blau in den Blaukanal eingeleitet worden; in der Folge trat das Gewässer über seine Ufer.

Triefend nasse Habseligkeiten

Während Burst den Wasserschaden am Gebäude als eher gering einschätzt, haben Schlamm und Wasser den im Keller gelagerten Gegenständen zugesetzt: Stück für Stück trugen Leibing und sein Nachbar Klaus Heinrich, der im ersten Stock des Hauses wohnt, triefend nasse Habseligkeiten nach draußen, darunter ein Keyboard. „Das wird kaputt sein“, befürchtete Heinrich. Das Bittere: Eine Hausratversicherung haben die beiden Männer nicht.

Auch in der Nachbarschaft herrschte am Dienstag Land unter: Die Keller der Gebäude rechts und links von Leibings Grundstück waren ebenfalls vollgelaufen, die Feuerwehr vor Ort. „Ich wohne seit über 40 Jahren hier“, sagt Inge Frick (84). Einmal sei sie seither von Hochwasser betroffen gewesen – vor über drei Jahrzehnten. „Seither war nichts mehr.“ Die Rentnerin trägt die Situation mit Fassung. „Es gibt definitiv Schlimmeres“, findet sie. Auch, wenn ihre Brennholzvorräte nicht mehr zu gebrauchen sind.

Wut auf den Wehrbetreiber

Bei Bärbel Walter hält sich der Schaden in Grenzen. „Die Nachbarn waren schnell da und haben geholfen, den Keller zu räumen“, sagt die 59-Jährige. Wie schnell das Wasser das Gebäude flutete, hat sie beeindruckt: „Innerhalb von zwei Minuten wurden aus einer Pfütze 20 Zentimeter.“

Allen Betroffenen gemein ist eine gewisse Wut. „Das hätte nicht sein müssen“, glaubt Walter. Und Leibing sagt: „Die haben versagt, schlicht und einfach versagt.“ Die, das ist der Betreiber der als „Mühlenwehr“ bekannten Wehranlage in Blaustein, die den Zufluss von der Blau in den Blaukanal steuert. Sie wurde Ende 2016 von den Stadtwerken Ulm an die Halblechkraftwerke Einsiedler aus Memmingen verkauft. Ihr Geschäftsführer Elmar Meyer zeigt sich betroffen von dem, was vorgefallen ist. „Da hat irgendetwas nicht funktioniert“, bedauert er. Eigentlich solle ins Wehr eingebaute Technik Situationen wie diese verhindern (siehe Infokasten). Offenbar sei es zu einem Defekt gekommen. „Wir werden der Sache nachgehen“, verspricht er und stellt den Anwohnern Schadenersatz in Aussicht: „Wir haben eine Versicherung.“

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