ein Trainingsort Fußball-Schule: Besiktas Ulm vor dem Aus

Den Ball flach halten, das fällt Orhan Cigdem momentan schwer. Seit Monaten versucht der Leiter der privaten Fußballschule Besiktas Ulm einen Trainingsplatz anzumieten. Doch das ist scheinbar ein Ding der Unmöglichkeit.
Den Ball flach halten, das fällt Orhan Cigdem momentan schwer. Seit Monaten versucht der Leiter der privaten Fußballschule Besiktas Ulm einen Trainingsplatz anzumieten. Doch das ist scheinbar ein Ding der Unmöglichkeit. © Foto: Matthias Kessler
Ulm / Christoph Mayer 06.06.2018
„Besiktas Ulm“ droht das Aus. Die Talentschmiede für junge Kicker findet seit Monaten keinen Trainingsort – weil sie kein Verein ist.

Orhan Cigdem ist ein Schulleiter ohne Schüler. Seit März hat der Chef  der Fußballschule Besiktas Ulm „den Laden auf Eis gelegt“, wie er sagt. „Was soll ich auch sonst machen, ohne Trainingsplatz?“

„Meine drei Jungs heulen Rotz und Wasser“, sagt Zana Nuhiç, die sich als „leidenschaftliche Fußballmutter“ bezeichnet. Ihre Söhne im Alter von 10 bis 14 Jahren hatten seit 2016 bei Besiktas Ulm gekickt, gemeinsam mit 70 weiteren Kindern aus Ulm und Umgebung. Fast allen Schülern unterschiedlichster Nationalität war gemein, dass sie parallel dazu weiter in ihren angestammten Vereinen spielten. In Cigdems Fußballschule trainierten sie zusätzlich bis zu vier mal wöchentlich, um sich den Feinschliff zu holen. „Bei Besiktas sind die Trainer professionell mit den Jungs umgegangen“, sagt Nuhiç. „Da herrschten mehr Disziplin und Respekt als im Verein. Da wurde optimal auf Stärken und Schwächen eines jeden eingegangen.“

Eine Art Talentschmiede schwebte Cigdem vor, als er die Privatschule vor zwei Jahren gründete – aber nicht nur das. „Ich wollte Begabte fördern, aber den Kids auch einen Ort bieten, an dem sie sich rundum aufgehoben fühlen“, sagt der 38-Jährige, der früher gerne selbst Fußballprofi geworden wäre. „Dafür hat’s aber leider nicht ganz gereicht.“ Immerhin ist Cigdem, der hauptberuflich nichts mit Fußball zu tun hat, und in einer Firma angestellt ist,  im Besitz einer DFB-B-Trainer-Lizenz.

Den Namen „Besiktas“ hat Cigdem sich beim berühmten Mutterverein Besiktas Istanbul gekauft. Einmal im Jahr, so erzählt er, muss er für die Lizensierung umgerechnet 4000 Euro an den türkischen Club zahlen und nachweisen, im Besitz einer entsprechenden Trainerlizenz zu sein sowie über ausreichend räumliche Kapazitäten und Equipment  zu verfügen.

Warum Besiktas? „Der Name zieht, das ist vergleichbar mit Bayern München“, sagt Cigdem, der überdies behauptet, durch die Kooperation über einen kurzen Draht zum Mutterverein zu verfügen. „Wir haben sogar mal ein junges Talent nach Istanbul vermittelt.“ Weitere seiner Schützlinge seien zwischenzeitlich beim FC Augsburg und dem FC Heidenheim untergekommen.

Gratis war das Angebot für die Fußballschüler nicht. 50 Euro pro Kind und Monat stellte der Trainer den Eltern in Rechnung. Gleichwohl betont er, damit keinen Gewinn erwirtschaftet zu haben. Co-Trainer, Übungsequipment wie etwa ein Rebounder und natürlich Lizenzgebühr und Platzmieten hätten nahezu alle Einnahmen aufgefressen.  „Für mich blieb da praktisch nichts hängen.“

Kein Verein

In Württemberg durfte die Schule, weil sie kein Verein ist, nicht an Turnieren teilnehmen. In Bayern schon. „Wir haben an vielen C-, D- und E-Jugendturnieren teilgenommen und sind immer ziemlich weit gekommen – oft bis ins Finale.“ Ungeachtet der sportlichen Erfolge habe man aber von Anfang an Probleme gehabt, einen Trainingsplatz zu bekommen, sagt Cigdem. Die Stadt Ulm hatte gleich nach seinem ersten Antrag, einen Sportplatz stundenweise zu mieten, klar gemacht, dass sie nicht weiter behilflich sein könne.

Das bestätigt Marlies Gildehaus, Sprecherin der Stadt Ulm. „Alle bestehenden Sportplätze sind den Ulmer Vereinen langfristig per Pachtvertrag zur Nutzung überlassen.“ Allein sie seien für Nutzung und Belegung verantwortlich. Man habe Cigdem deshalb empfohlen, sich mit einem Verein in Verbindung zu setzen.

Was zunächst auch klappte. Beim ESC Ulm kam Besiktas Ulm unter, doch Ende 2017 endete die Kooperation. „Der Verein wollte, dass ich zusätzlich auch seine Kids mittrainiere“, sagt Cigdem. Doch das sei für ihn zeitlich nicht machbar gewesen.

Seit Monaten sucht  die Fußballschule, die über den Winter in einer zwischenzeitlich aufgelösten Soccer-Halle in Senden trainierte, nun einen neuen Trainingsplatz – vergeblich. „Wir haben sämtliche Vereine angeschrieben“, erzählt Zana Nuhiç. Zwar hätten einige grundsätzlich Bereitschaft signalisiert,  jedoch auf die Notwendigkeit einer Zustimmung durch die Stadt verwiesen. Die Stadt halte sich diesbezüglich aber bedeckt. Gildehaus betont, dass es sich bei Besiktas eben nicht um ein Vereins-, sondern um ein rein gewerbliches Angebot handele. Die Stadt unterstütze aber nur Sportvereine.

Besiktas und die Bundeswehr

Das sieht auch die Bundeswehr so, mit der beinahe eine Kooperation zustande gekommen wäre – sie hat in Jungingen noch Platzkapazitäten. Doch nach einer ersten Zusage durch die hiesige Standortverwaltung kam vor wenigen Wochen der Rückzieher durch die nächst höhere Kommandostelle in Stuttgart. Tenor: Gewerbliche Angebote könne man leider nicht unterstützen, auch nicht in Ausnahmefällen.

 Gigdem hadert. Er leiste seit zweieinhalb Jahren wertvolle Arbeit und zudem einen wichtigen Beitrag zur Integration in der Stadt. „All das wird jetzt in den Sand gesetzt.“ Schade, dass man ihn so im Regen stehen lasse. Schließlich wolle er nichts umsonst haben, sondern lediglich einen Platz stundenweise gegen Gebühr mieten. Dass es noch zahlreiche freie Kapazitäten gebe, wisse er aus Erfahrung. „Längst nicht alle Plätze in der Stadt sind permanent belegt.“

Ob es vielleicht auch am türkischen Namen seiner Schule liege, argwöhnt er. „Ich hoffe nicht, dass der negative Vorbehalte weckt.“

49 Großspielfelder, 5265 Kicker

Plätze In Ulm gibt es nach Mitteilung der Abteilung Bildung und Sport insgesamt 49 Fußballplätze. Damit sind normgerechte Großspielfelder mit Echt- oder Kunstrasen gemeint.

Spieler In den Fußballabteilungen der Ulmer Sportvereine sind – Stand 2015 –  5265 Mitglieder gemeldet.

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