Theater Kay Metzgers Abschied in Detmold

Detmold / Jürgen Kanold 14.06.2018

Im „Eissalon“ am Marktplatz löffelt Kay Metzger noch einen letzten Walnussbecher. In seinem Büro darf er an diesem Dienstag keine Besucher empfangen, er hat „Hausverbot“. Denn abends soll er als Intendant des Detmolder Landestheaters verabschiedet werden, mit Überraschungen. Solches Rampenlicht liegt ihm nicht: „Ich bin nervöser als bei einer Premiere.“ Aber nach 13 Jahren erfolgreicher Arbeit in Westfalen-Lippe muss Metzger das ertragen, und er tut es bescheiden und gern. In Ulm steht für Andreas von Studnitz eine solche Feier mit Politik und örtlicher Prominenz nicht auf dem Spielplan, der Intendant tritt dafür als sterbende Kneipen-Ikone im Musical „Rock of Ages“ auf – und ab.

Der Wechsel wird täglich konkreter, mittlerweile probt Metzger in Ulm schon seine Eröffnungspremiere, die Oper „Das schlaue Füchslein“ von Leos Janacek (27. September). Und jetzt am Montag beginnen auch die Kollegen, den Theater-„Marathon“ zum Saisonstart vorzubereiten: Jasper Brandis inszeniert Schillers „Räuber“, Ivna Zic das Schauspiel „Lupus in Fabula“ von Henriette Dushe, Martin Borowski das Kinderstück „Cinderellas Schuhe“ und Charlotte Van Kerckhofen den Monolog „Judas“. Es geht los: „Das Haus ist in einer guten Stimmung, sehr offen, sehr neugierig“, freut sich Metzger, der das Pendeln zwischen Detmold und Ulm gewiss nicht vermissen wird. Nach der „Füchslein“-Probe war er am Montag noch spät, durch Wolkenbrüche, mit dem Auto gefahren.

Was nimmt er mit nach Ulm? Auf jeden Fall auch Erfahrung: „Ich habe als Intendant gelernt, wie man Dinge kommuniziert, wie man in Strukturen hineinfummelt, eben nicht mit der Brechstange, sondern dass Fairness zählt.“ Da hat er in Detmold einiges erreicht: nicht zuletzt eine vierte Sparte gegründet, das Junge Theater Kaschlupp! aufgebaut. Da darf man auch in Ulm einiges erwarten.

So unterschiedlich seien die beiden Städte nicht, in zwei Beziehungen: „Das Theater hat einen sehr hohen Stellenwert in der Bürgerschaft“, weiß Metzger. „Und der Lipper gilt als sehr sparsam, da kommen im Schwäbischen geradezu Heimatgefühle auf.“ In Detmold ist es Metzger trotzdem gelungen, Geld aufzutreiben, nicht zuletzt für die überregional beachtete Aufführung von Richard Wagners komplettem „Ring des Nibelungen“. Solche Großprojekte seien sehr wichtig für ein Theater, mit viel Geduld wolle er auch in Ulm bei Sponsoren dafür werben, führt der 58-Jährige aus – und grüßt alle paar Minuten ein vertrautes Gesicht aus dem Ensemble, das auf der Straße vorbeikommt.

Detmold am Teutoburger Wald (mit dem berühmten Hermannsdenkmal) hat zwar rund 75 000 Einwohner, wirkt aber doch überschaubar: ein gediegenes Residenzstädtchen, so barock wie klassizistisch. Historie an jeder Ecke, die Dichter Christian Dietrich Grabbe und Ferdinand Freiligrath sind Söhne der Stadt. In Detmold regierten selbstbewusst die Fürsten zur Lippe, und noch heute wohnt ein Nachfahre, Stephan Prinz zur Lippe, mit der Familie im Schloss, unweit des Landestheaters, das einmal das lippische Hoftheater war. Der Prinz hat nicht nur ein Premierenabo, sondern sitzt im Vorstand der Theaterfreunde – und hält an diesem Abschiedsabend die Laudatio auf seinen Freund Kay Metzger. „Man weiß hier um die Tradition, weiß, wo‘s Theater herkommt“, sagt der scheidende Intendant und fügt schmunzelnd hinzu: „Wir wissen aber auch, dass es 1918 eine Revolution gegeben hat . . .“

Das Hochfürstliche Hoftheater, an dem auch Albert Lortzing gewirkt hatte, war 1912 abgebrannt und sofort wieder aufgebaut worden. Außen ein mächtiger, repräsentativer Säulen-Portikus, drinnen eher schlichter Jugendstil. 650 Zuschauer finden Platz, alles ist kleiner, direkter als in Ulm (830 Plätze im Großen Haus), aber nicht provinzieller. Und an diesem Dienstagabend herzlich familiär.

Metzger ist ein Teamplayer. Auf dem Programm, das Christian Katzschmann (der Chefdramaturg bald auch in Ulm) mit viel Ironie moderierte, stand zum Beispiel kein rein redensaurer Festakt für den Intendanten, sondern zunächst die Verleihung des Detmolder Theaterpreises: In der Sparte Ballett ging er an den Publikumsliebling Gaetan Chailly, der künftig in Ulm als Tanzpä­da­goge arbeiten wird.

Allenthalten Ensemblegeist: So würdigte auch die Betriebsratsvorsitzende launig ihren Intendanten und verband die Titel seiner rund 30 Detmolder Inszenierungen zu einer turbulenten Erzählung. Und dass Kay Metzger, zum Ehrenmitglied des Landestheaters ernannt, ein großer Wagnerianer ist, nun, das war dann auch wirklich nicht zu überhören: „Da zu dir der Heiland kam“, den Choral aus den „Meistersingern“, sang der Chor trefflich andeutungsvoll. Zum Finale gab‘s keinen Party-Knaller, sondern den Liebestod aus „Tristan und Isolde“ mit der wunderbaren Sabine Hogrefe: „Ertrinken – versinken – unbewusst – höchste Lust“. Na ja, da konnte Metzger nur mit Worten des Hans Sachs danken: „Euch macht Ihr‘s leicht, mir macht Ihr‘s schwer, gebt Ihr mir Armen zu viel Ehr‘.“

Stephan Prinz zur Lippe fragte sich, welche Figur aus Wagners Werk denn zu Metzger passe: Göttervater Wotan? Nein, „der verlässt das Haus und brennt es ab, Detmold ist nicht Walhall“. Mime, der kluge Schmied und Künstler, sei die bessere Rolle.

Gelächter erntete der Prinz mit der Frage „Ulm?“ Er zeigte sich allerdings kundig: „Die Stadt hat einen höheren Kirchturm als Detmold“ und, was er nun gar nicht habe glauben wollen, ein älteres und größeres Theater. In Detmold sei Metzger 2005 mit dem Motto „Lippe riskieren“ angetreten, so heiße es nun: „Ulm riskieren – viel Spaß!“ Den haben der künftige Intendant und sein Team schon mit dem viel gerupften Spatzen-Logo.

Das neue Opernensemble

Sänger Im Spielzeitheft für die erste Ulmer Metzger-Saison 2018/2019 stehen nur vier Namen unter der Rubrik „Musiktheater-Ensemble“: neben den bekannten Akteuren Martin Gäbler, Maria Rosendorfsky und I Chiao Shih noch Maryna Zubko, eine junge ukrainische Sopranistin, die nicht zuletzt die Titelpartie in Donizettis Oper „Lucia di Lammermoor“ übernehmen wird. Mittlerweile ist das Aufgebot komplett. Neben drei neuen Tenören und einem Bassbariton hat der künftige Intendant auch den Bariton Dae-Hee Shin engagiert. Metzger hat den Südkoreaner seinem Vorvorgänger Ansgar Haag abgeworben, Shin gehört seit 2003 zum Ensemble des Meininger Staatstheaters und glänzte dort, überregional beachtet, auch als Hans Sachs in den „Meistersingern“. Eine Wagner-Partie wird er kommende Saison auch am Theater Ulm singen: den Holländer.

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