An Hässlichkeit und Sinnlosigkeit nicht zu überbieten.
O, Herr Wetzig!
Viel zu viel und zu dicht - wir sind doch nicht in Manhattan!!

Wer will, der kann - also seine Meinung kundtun zu den Sedelhöfen. Sage nur einer, das Buch mache nichts her. Da hat sich jemand viel Mühe gemacht, schick in Schwarz und Gelb. Ihre Meinung!, heißt es auf dem Umschlag. Allein: Viele Besucher fühlten sich bislang nicht bemüßigt, ihren Kommentar zur Sedelhof-Bebauung abzugeben - wie überhaupt das Interesse am "i-Punkt" merklich nachgelassen hat. Die Aufsicht schließt um 17 Uhr auf - und um 19 Uhr ab. Zwischenzeitlich passiert eher wenig, naja, es wird langsam dunkel draußen.

Dienstag, 17.30 Uhr. Heute ist ein guter Tag, heute waren schon zwei Besucher hier. Sagt Melek Yörük. Die Studentin hat schon ganz andere Tage erlebt im Info-Zentrum: Ende Januar/Anfang Februar 2014 hat sich beispielsweise drei Tage hintereinander niemand hierher verirrt. 35, 16, 15, 17, 11, 37, Zusatzzahl 13. Lotto? Nein, die Besucherzahlen der ersten Tage nach der Eröffnung des Info-Zentrums am 9. Februar 2013. Sie lesen sich gut, danach flachte jedoch das Interesse zusehends ab. Ein Bus fährt vorbei, der Sechser zum Hasenkopf, gefolgt von der Straßenbahn. Von draußen sieht der beleuchtete Raum aus wie ein riesiges Aquarium, ein riesiges totes Aquarium. Heute geht niemand mehr zum Schwimmen.

Mittwoch, 17 Uhr: Draußen steht ein älteres Ehepaar. Vom Balkan. Sagt er. Also nicht richtig vom Balkan, sondern von jenseits der Donau. Aus Neu-Ulm. Dr. Guntram Petschke und seine Frau Suse. Sie waren zufällig in der Nähe, wollten kurz reinschauen, um sich zu informieren. Sie fragen sich dreierlei: Über welche Straße werden denn die Sedelhöfe angeliefert? Wo soll die Kaufkraft für diese zusätzliche Mall herkommen? Und was passiert eigentlich mit den vielen kleinen Geschäften in der City? Sie schauen sich das Modell an, so richtig überzeugt von dem Bauvorhaben scheinen sie nicht zu sein - und dann sind Petschkes auch schon wieder verschwunden. Zurück bleibt Laura Schreiber, es ist ihr erster Tag als Aufsicht. Der Vertrag der Studentin geht bis Ende März, dann soll das Haus Olgastraße 66 abgerissen werden. So war es eigentlich geplant, Pläne ändern sich aber, sagt Harald Walter. Weil sich der Neubau für die Bürgerdienste, der an dieser Stelle entstehen soll, verzögert, geht der Architekt und Stadtplaner davon aus, dass das Info-Zentrum über den März hinaus geöffnet sein wird. Verlängerung wegen großen Erfolgs? "750 Personen im Zeitraum von einem Jahr sind doch gar nicht schlecht", meint Walter. Die Leute nähmen sich schließlich die Zeit, kämen gezielt hierher, um sich das Modell anzuschauen und die Texte zu lesen. Was Orthopäden und Optiker erfreut: die einen, weil die Texte derart weit oben hängen, dass sich kleinere Personen eine veritable Genickstarre zuziehen; die anderen, weil die Texte in einer Schriftgröße gesetzt sind, dass sich spätestens nach fünf Minuten der Wunsch nach einer neuen Brille einstellt. Übrigens: Ein Mann schaut noch rein, kurz, ganz kurz, er scheint sich aber verlaufen zu haben.

Donnerstag, 17.45 Uhr: Der Laden ist voll, 25 Leute drängen sich um das Modell - und reden sich die Köpfe heiß. Melek Yörük muss moderierend eingreifen. Ach was! Friedrich K. Waechter fällt einem ein, der Zeichner und Karikaturist hatte eines seiner Werke mit "Wahrscheinlich guckt wieder kein Schwein" betitelt. Also: Niemand da - außer Melek Yörük, die einen freundlich begrüßt. Mal das "Gästebuch" durchblättern.

"Wie hässlich!"
"Wann hat der Bauwahn ein Ende?"
"Wohl auch nicht der Weisheit letzter Schluss . . ."
"Typisch Ulm - unausgereift und ohne Zusammenhang und ohne durchdachte Nutzung."

Lobende Worte? Ja, sie finden sich auch:

"Bravo Ulm! Es tut sich was - endlich gehts in Richtung Großstadt!"
"Alles ist besser wie das, was vorher war. Hoffentlich kommen auch ein paar Einzelhändler zum Zug, nicht nur die großen Ketten."
"Ich finde es mega Klasse, sieht sehr schön aus."

Was macht die Stadt mit diesen Kommentaren? "Für uns ist das ein Stimmungsbild, mehr nicht", sagt Harald Walter. Im Bebauungsplanverfahren könnten die Stellungnahmen nicht berücksichtigt werden. Dass sich freilich der Wunsch eines Besuchers nach Vanilla Latte oder Frappuccino erfüllt, davon kann ausgegangen werden: "Wie wärs mit Starbucks?" Melek Yörük kann übrigens froh sein, dass sie nicht nach Besuchern bezahlt wird: Heute war gerade mal einer da.

Freitag, 18.30 Uhr: Neulich, draußen auf der Olgastraße, fuhren drei Autos aufeinander - da war was los, sagt Melek Yörük. Nicht, dass sie sich das jeden Tag wünscht, aber ein bisschen mehr Abwechslung wäre schön. Immerhin drei Striche hat sie heute auf die Liste gesetzt, drei Besucher mehr, die das Modell sehen wollten. Damit liegt der Freitag im Durchschnitt. Tomas Kurth, Künstler, Designer, Handwerker und noch einiges mehr, hat am Modell mitgearbeitet. Der Maßstab, sagt er, sei völlig überzogen, mit 1:100 viel zu groß, "aber das Modell ist ja für Laien gemacht". Für Laien, die nicht geübt sind im Umrechnen. Wer jetzt den Zollstock zur Hand nimmt, wisse, wie groß die einzelnen Gebäude sind. 19 Uhr. Melek Yörük schließt die Tür. Das Licht im Aquarium bleibt über Nacht an.