Neu-Ulm / Christoph Mayer  Uhr
Die Tierklinik in Pfuhl hat ihre Zulassung abgegeben.  Folge: Alle niedergelassenen Kollegen müssen Nachtdienste leisten.

Eine Rund-um-die-Uhr-Anlaufstelle für erkrankte Kleintiere: Das war die Neu-Ulmer Tierklinik  in der Leipheimer Straße bis vor wenigen Wochen. Doch seit Februar gelten stark reduzierte Öffnungszeiten: Montag bis Freitag von 8.30 Uhr bis 19 Uhr, Samstag von 10 bis 13 Uhr. Hinzu kommen an Wochenenden wie wochentags zusätzliche Telefonzeiten.

Dies hat Auswirkungen auf alle übrigen 23 niedergelassenen Tierärzte in Ulm und Neu-Ulm. Sie müssen nun turnusmäßig Nacht- und Sonntagsdienste anbieten, was teilweise für Unmut sorgt. Auch, weil Praxen OP-technisch in der Regel nicht so gut ausgerüstet sind wie eine Klinik und die stationäre Aufnahme schwerverletzter Tiere manchen Arzt kapazitätsmäßig überfordert.

Vieles im Umbruch

Die neuen Öffnungszeiten des Pfuhler Kleintierkrankenhauses sind ein Zeichen dafür, dass auf dem Tierärzte-Sektor einiges im Umbruch ist.  Auch in Neu-Ulm. Der bisherige Inhaber Dr. Peter Neuhofer ist zum Jahreswechsel in den Ruhestand gegangen und hat seine Klinik an den in Deutschland stark expandierenden schwedischen  Konzern Anicura verkauft. Der neue „Chefarzt“ Markus Geier ist bei Anicura angestellt.

Fast könnte man meinen, Geier habe die extrem arbeitnehmerfreundliche schwedische Gesetzgebung auch auf Neu-Ulm angewendet. Doch der Tierarzt verneint. Ihm gehe es schlichtweg darum, dass er und seine 28 Kollegen (7 Tierärzte, 21 Tierarzthelferinnen) die gesetzlichen Arbeitszeitrichtlinien einhielten und sich nicht – wie auch viele Humanmediziner – über die Schmerzgrenze hinweg selbst ausbeuteten. Deshalb habe er das Siegel „Tierklinik“ zurückgegeben, man firmiere jetzt als „Kleintierzentrum“.  Denn in Deutschland müssen Tierkliniken 7 Tage pro Woche 24 Stunden aufnahmebereit sein.

Geier weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass jeder niedergelassene Tierarzt in Baden-Württemberg zu Not- und Nachtdiensten verpflichtet ist. „Viele haben das in den vergangenen Jahren aber total zurückgefahren, weil es ja unsere Klinik gab.“ Nun werde die Dienstpflicht eben wieder auf viele  Schultern verteilt. „Auch wir beteiligen uns natürlich, sogar über unseren Pflichtanteil hinaus.“ Aufs Jahr umgerechnet leiste das Pfuhler Ärztekollektiv acht Wochen Notdienst.

Kritik kommt vom Ulmer Tierarzt Ralph Rückert, der diese auch in seinem Blog schriftlich artikuliert hat. Dort schreibt er unter dem Titel „Das Versagen der Anicura“ etwa: „Der Vorgang bestätigt meine schlimmsten Vorbehalte gegen die Ausbreitung von Klinikketten, in denen die letztendliche Entscheidungsinstanz nicht bei ihrem Berufsethos verpflichteten Tiermedizinern, sondern bei ausschließlich unter betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten agierenden Investoren liegt.“

Durch die Aufgabe des Klinikstatus sei die Region Ulm/Neu-Ulm unterversorgt, sagt der 58-Jährige auf Anfrage dieser Zeitung. Er sieht Anicura in der Pflicht. „Eine internationale Kette mit solch enormer Kapitalunterfütterung sollte in der Lage sein, ein paar zusätzliche Ärzte nach Neu-Ulm zu schicken, damit der Notdienst aufrecht erhalten werden kann.“ Die nächsten Kliniken seien nun in Babenhausen im Allgäu und in Ravensburg. „Das ist definitiv zu weit.“

Gleichwohl will Rückert dem Konzern nicht allein den schwarzen Peter zuschieben. Eine Grundproblematik sei auch, dass in Deutschland – anders als in vielen europäischen Nachbarländern – ein „Preisdumping“ herrsche. Nirgendwo sonst würden tierärztliche Leistungen so schlecht bezahlt. Dies und der Umstand, dass der hiesige Arbeitsmarkt mit Tierärzten übersättigt sei, führe dazu, dass in Kliniken angestellte Tierärzte schlecht bezahlt würden. „Bei einem Bruttoverdienst von 2300 Euro im Monat kann man von angestellten Kollegen nicht erwarten, dass sie massenhaft unbezahlte Überstunden schieben.“

Schnell zusammengerauft

Nach der ohne nennenswerte Vorlaufzeit und deshalb von vielen Kollegen als überstürzt wahrgenommenen Klinikschließung sei der Unmut zunächst sehr groß gewesen, sagt Rückert. „Wir haben uns dann aber schnell zusammengerauft  und eine solidarische Lösung gefunden.“ Auch die niedergelassenen Kollegen aus Bayern beteiligten sich  nun am Notdienst, obwohl es im Freistaat eine solche Verpflichtung nicht gibt. „Für Patienten ist rund um die Uhr eine Praxis erreichbar.“

Der Preis dafür sei aber hoch. Rückert: „Ich arbeite jetzt schon 60 Stunden die Woche und darf nun noch diverse Nächte und Sonntage dranhängen. Das schlaucht mich.“

Jahresumsatz von 300 Millionen Euro

Großkonzern Die schwedische Unternehmensgruppe Anicura betreibt Tierkliniken, Tierarztpraxen und tiermedizinische Zentren in Schweden, Norwegen, Dänemark, Deutschland, Österreich, der Schweiz und den Niederlanden. Die Unternehmensgruppe besteht aus fast 200 Einrichtungen. Jährliches Patientenaufkommen laut Wikpedia: fast zwei Millionen Haustiere, vorwiegend Hunde und Katzen.  Für Anicura arbeiten etwa 3500 Mitarbeiter, darunter 1100 Tierärzte. Anicura hat einen jährlichen Umsatz in Höhe von rund 300 Millionen Euro. Der Firmensitz liegt in Danderyd, Schweden.