Donaufest Katja Riemann liest Stefan Zweig

Ulm / Von Jürgen Kanold 09.07.2018

Europa heißt seit jeher das große Thema des Internationalen Donaufests, und es gibt in diesen Tagen auch kaum ein wichtigeres. So eröffnete ein großer Europäer das literarische Programm: Stefan Zweig. Der starb schon 1942 in Brasilien, und zwar einen Freitod nicht zuletzt aus Verzweiflung über den deutschen Hitler-Terror, der auch ihn, den eminenten jüdischen Erfolgsschriftsteller aus Wien („Sternstunden der Menschheit“) ins Exil gezwungen hatte. Seine Memoiren „Die Welt von Gestern“, seine „Erinnerungen eines Europäers“, schrieb er dort,  sie erschienen 1942 postum in Stockholm.

Es ist das Buch eines auch redseligen, nostalgischen, aber klarsichtigen, anklagenden Pazifisten, der den Frieden und die Kultur vor 1914 beschwört, der genau beschreibt, wie der Erste Weltkrieg als ein rascher, glühender „Ausflug ins Romantische“ begonnen hatte und als ein Verbrechen an Millionen endete. Zweig war mit dieser Lebenserfahrung umso deprimierter, als er sah,  wie sich in seiner Gegenwart eine Kriegs-Katastrophe noch weit schlimmeren Ausmaßes wiederholte. Wie das Elend angefangen hatte? Als erstes sichtbares Phänomen der Weltzerstörung durch den Nationalsozialismus sei die Xenophobie aufgetreten, so diagnostizierte Zweig: der „Fremdenhass oder zumindest die Fremdenangst. Überall verteidigte man sich gegen den Ausländer, überall schaltete man ihn aus.“ Das liest sich aktuell.

Es war dann im voll besetzten Stadthaus trotzdem kein direkt politischer Abend, sondern nur ein Rezitations-Solo, auch wenn Buchhändler Thomas Mahr weniger eine Einführung in Leben und Werk hielt als eine flammende Rede: über die zu verteidigende Demokratie und den „leidenschaftlichen Europäer“ Zweig, dessen Buch ein „Werkzeug“ sei gegen Europakritiker.

Wer denn Platz nahm am Tisch unter dem riesig an die Wand projizierten Foto des Schriftstellers, war ein Star des deutschen Films und Fernsehens: Katja Riemann. Die Schauspielerin las eine gute Stunde lang, allerdings kommentarlos und in Kapitelsprüngen und nicht allein die weltpolitischen Reflexionen Zweigs. Die Dramaturgie hatte auch Reiseberichte, Idyllen, Kolportagehaftes ausgewählt, Textpassagen, die Katja Riemann souverän sachlich vortrug und dann zunehmend emotional erzählend, sehr theatralisch, mit Blick aufs Unterhaltungspublikum. Etwa wie der junge Zweig 1917 in die Schweiz fuhr zur Aufführung von „Jeremias“ in Zürich und sein Grenzerlebnis schilderte: vom Kriegshunger ins neutrale Schlaraffenland übertretend.

Oder wie die Nachkriegsinflation ihre Blüten trieb: „Die biertrinkenden Bayern rechneten es sich am Kurszettel von Tag zu Tag aus, ob sie im Salzburgischen infolge der Entwertung der Krone fünf oder sechs oder zehn Liter Bier für denselben Preis trinken konnten, den sie zu Hause für einen einzigen Liter zahlen mussten.“ Das kann natürlich im einig Euro-Land nicht mehr passieren.

Eine Lesung also als Lektüre-Tipp: „Die Welt von Gestern“ ist neu zu entdecken.

Literarische Absacker

Termine Das Donaufest bietet im Künstlerhaus (Grüner Hof 5) in dieser Woche täglich außer Samstag, jeweils 23 Uhr, „Literarische Absacker“ an: von Thomas Mahr ausgewählte Texte, vorgetragen von Schauspielern und mit Cello-Musik von Anne Schumacher. Heute ist Fabian Gröver dran, mit Texten von Esterházy bis Musil.

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